T. C. Boyle : Die Frauen

Die Frauen

T. C. Boyle

Die Frauen

Originalausgabe: The Women Viking, New York 2009 Die Frauen Übersetzung: Kathrin Razum, Dirk van Gunsteren Carl Hanser Verlag, München 2009 ISBN: 978-3-446-23269-3, 560 Seiten, 24.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Die Frauen" von T. C. Boyle über den Architekten Frank Lloyd Wright setzt sich aus drei Teilen zusammen, die mit den Namen der Frauen überschrieben sind, die im Leben des Protagonisten entscheidend sind: Olgivanna, Miriam und Mamah. T. C. Boyle erzählt rückwärts und fügt die eigentliche Geschichte in eine Rahmenhandlung über einen fiktiven japanischen Architekturstudenten ein, der von 1932 bis 1941 ein Fellowship in Taliesin absolviert.
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Kritik

T. C. Boyle hält sich eng an die Biografie von Frank Lloyd Wright, verdichtet sie jedoch zu lebendigen Szenen. Auf das Werk des Baukünstlers geht er nicht näher ein; stattdessen beleuchtet er dessen Persönlichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln.
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Frank Lloyd Wright (Kurzbiografie)

Der Roman „Die Frauen“ von Tom Coraghessan Boyle dreht sich um den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright (1867 – 1959).

Das Buch setzt sich aus drei Teilen zusammen, die mit den Namen der Frauen überschrieben sind, die im Leben des Protagonisten entscheidend waren: Olgivanna, Miriam und Mamah. T. Coraghessan Boyle erzählt rückwärts.

Der erste Teil („Olgivanna“) beginnt im Herbst 1924, als der siebenundfünfzig Jahre alte Frank Lloyd Wright und die einunddreißig Jahre jüngere Balletttänzerin Olga („Olgivanna“) Lazovich Milanoff bzw. Hinzenburg in Chicago kennenlernt und ein Liebesverhältnis mit ihr beginnt, obwohl sie beide noch verheiratet sind, die aus Montenegro stammende Balletttänzerin mit dem Russen Vlademar Hinzenburg, Frank Lloyd Wright mit der heroinsüchtigen Künstlerin Maude („Miriam“) Noel, von der er sich allerdings im Mai trennte. 1925 zieht Olgivanna mit ihrer Tochter Svetlana zu ihrem Geliebten nach Taliesin bei Spring Green, Wisconsin, doch wegen der sensationshungrigen Presse besteht Frank Lloyd Wright darauf, Olgivanna als seine Haushälterin auszugeben. Kaum jemand fällt auf den Schwindel herein, zumal Olgivanna am 2. Dezember 1925 mit einer zweiten Tochter niederkommt: Iovanna. Aufgrund einer Anzeige von Svetlanas Vater Vlademar Hinzenburg müssen Frank Lloyd Wright und Olgivanna 1926 vorübergehend ins Gefängnis, aber die Anklage wegen Ehebruchs wird nach kurzer Zeit fallengelassen. Im August 1928, ein Jahr nach seiner Scheidung von Miriam, heiratet Frank Lloyd Wright Olgivanna.

„Miriam“, der zweite Teil des Romans „Die Frauen“, umfasst die Jahre 1914 bis 1923. Die Handlung setzt nach dem erst im letzten Teil geschilderten Massaker in Taliesin ein, als Frank Lloyd Wright beschließt, das zerstörte Wohn- und Ateliergebäude neu aufzubauen. Kurze Zeit später nimmt die exaltierte Künstlerin Miriam Noel Kontakt mit ihm auf. Weil seine Ehefrau Catherine Lee („Kitty“) erst im November 1922 einer Scheidung zustimmt und Frank Lloyd Wright danach entsprechend der gesetzlichen Regelung noch ein Jahr warten muss, lebt er bis Ende 1923 mit Miriam in wilder Ehe.

Der dritte Teil handelt von Mamah. 1904 baut Frank Lloyd Wright ein Haus für Edwin Cheney, einen Nachbarn in Oak Park, dessen Ehefrau mit Kitty befreundet ist. Dabei kommt er Mamah Borthwick Cheney näher. Die emanzipatorische Autorin und Übersetzerin fasziniert ihn. Er stimmt ihr voll und ganz zu, wenn sie die schwedische Feministin und Schriftstellerin Ellen Karolina Sofia Key (1849 – 1926) zitiert: „Liebe ist selbst ohne Trauschein moralisch, aber eine Ehe ohne Liebe ist unmoralisch.“ (Seite 414) Kitty geht zunächst davon aus, dass auch diese Affäre ihres Mannes vorbeigehen würde, aber ihre Hoffnung erfüllt sich nicht. Aus den Gerüchten wird ein Skandal, als Frank Lloyd Wright und Mamah Borthwick Cheney 1910 zusammen nach Europa reisen und als Erstes im Hotel Adlon in Berlin gesehen werden.

Während Edwin Cheney schließlich zur Scheidung bereit ist, verweigert Kitty hartnäckig ihr Einverständnis. Daraufhin überredet Frank Lloyd Wright seine Mutter, ein Stück Land in Spring Green, Wisconsin, zu kaufen. Dort errichtet er ein Wohnhaus mit Atelier, das er nach einer Figur der walisischen Mythologie Taliesin nennt. Kurz nach Weihnachten richtet Frank Lloyd Wright sich dort mit Anna Lloyd Wright und Mamah Borthwick Cheney ein. Die betrogenen Ehepartner bleiben mit den Kindern in Oak Park zurück, Edwin Cheney mit John und Martha, Kitty mit Lloyd, John, Catherine, David, Frances und Llewellyn.

Zunächst quartiert Frank Lloyd Wright seine Geliebte in einem Gästezimmer ein und schleicht sich nachts zu ihr. Schließlich treten sie die Flucht nach vorne an und propagieren auf einer in Taliesin einberufenen Pressekonferenz die Forderungen von Ellen Key für Freiheit und Selbstbestimmung vor allem für Frauen. Die fortschrittlichen Ideen werden jedoch von der Bevölkerung abgelehnt. Man drängt den zuständigen Sheriff, Frank Lloyd Wright und Mamah Borthwick Cheney wegen unsittlichen Verhaltens festzunehmen, sie zumindest aus der Gegend zu vertreiben.

Das neu eingestellte Diener-Ehepaar Carleton aus Barbados erfüllt die Erwartungen von Frank Lloyd Wright und Mamah Borthwick Cheney voll und ganz: Die zwanzigjährige Gertrude kocht ganz nach ihrem Geschmack, und ihr fünf Jahre älterer Mann Julian ist ebenso fleißig wie sie. Allerdings glaubt Mamah, ihn zurechtweisen zu müssen, weil er seine ungebildete Frau verächtlich behandelt. In der Hoffnung, seine Einstellung gegenüber Frauen beeinflussen zu können, schenkt sie ihm das von ihr ins Amerikanische übersetzte Buch „Die Frauenbewegung“ von Ellen Key.

Eines Tages, während Frank in Chicago zu tun hat und die Kinder John und Martha in Taliesin zu Besuch sind, hört Mamah, wie Julian in der Küche seine Frau verprügelt. Sofort geht sie dazwischen. Julian verlässt zwar den Raum, beschließt jedoch, sich an beiden Frauen zu rächen. Er besorgt sich ein Beil und nagelt die Fenster zu. Nachdem er Mamah Borthwick Cheney, John und Martha die Suppe auf der Veranda serviert hat, bedient er sechs Mitarbeiter des Architekten im Esszimmer. Dann holt er das Beil, spaltet Mamah den Kopf, erschlägt den Jungen und holt das Mädchen ein, das fortzurennen versucht. Mehrere Beilhiebe strecken es nieder, aber es zappelt noch, als Julian einen Keil in den Spalt unter der Tür des Esszimmers treibt, damit sie nicht mehr geöffnet werden kann. Er gießt Benzin aus und zündet es an. Die in Todesangst durch die Scheiben der Fenster springenden Männer verfolgt er mit dem Beil. Nur zwei von ihnen überleben das Massaker.

Julian Carleton wird bald aufgespürt und nach Dodgeville ins Gefängnis gebracht. Er trank inzwischen Salzsäure, stirbt jedoch nach zwei Monaten nicht an den Verätzungen, sondern weil er jede Nahrungsaufnahme verweigert.

Frank Lloyd Wright und Edwin Cheney kommen mit demselben Zug aus Chicago.

Der Roman „Die Frauen“ endet in Paris, wo Miriam die Nachricht über das Massaker in Taliesin in der Zeitung liest.

Die eigentliche Handlung ist in eine Rahmenhandlung eingebettet, die ebenfalls in drei Teilen erzählt wird.

Am 9. April 1979 schreibt der (fiktive) japanische Architekt Tadashi Sato das Vorwort zu dem vorliegenden Buch und bedankt sich bei seinem Koautor und Übersetzer Seamus O’Flaherty, einem irischstämmigen Amerikaner, der mit seiner Enkelin Noriko verheiratet ist. Dessen Ausführungen kommentiert und korrigiert er in zahlreichen Fußnoten.

Im Herbst 1932 war der damals fünfundzwanzigjährige Diplomatensohn Tadashi Sato, der in Tokio, Harvard und am MIT studiert hatte, zu einem Fellowship bei Frank Lloyd Wright, den er „Wrieto-San“ nannte, nach Taliesin gekommen. Zu seiner Überraschung musste er allerdings zunächst in der Küche mithelfen. Auch später blieb es ihm und den anderen Jüngern des weltberühmten Architekten nicht erspart, die Kühe zu melken und das Heu zu wenden.

Als die zwanzigjährige Kunststudentin Daisy Hartnett sich zu den Schülern in Taliesin gesellte, lud Tadashi sie noch am selben Tag in eine Kneipe in Spring Green ein. Das missfiel dem Meister und seiner Ehefrau. Olgivanna forderte Tadashi auf, Daisy nicht zu kompromittieren; Frank Lloyd Wright warnte ihn vor der Alkoholabhängigkeit und zitierte eine japanische Redensart: „Eine Frau sollte in ihrer Jugend ihrem Vater gehorchen, als Erwachsene ihrem Gatten und im Alter ihrem Sohn.“ (Seite 235) Trotz der Ermahnungen begannen Tadashi und Daisy ein heimliches Liebesverhältnis, das allerdings abrupt endete, als Daisys Vater davon erfuhr, seine Tochter sofort aus Taliesin abholte, sie zum Studium an der Royal Academy nach London schickte und den Wrights mit einer Anzeige wegen Kuppelei drohte. Mr Hartnett wollte keinen Japaner in der Familie.

Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 wurde Tadashi Sato interniert.

Später kehrte er nach Japan zurück, aber dort hielt er es nicht lange aus. Er zog nach Paris und arbeitete dort zehn Jahre im Architekturbüro Borchard et fils. Als seine Frau mit dem vierjährigen Sohn im Regen zu einem haltenden Bus lief, wurden die beiden von einem betrunkenen Taxifahrer angefahren und starben.

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Nach John Harvey Kellogg („Willkommen in Wellville“, 1993, Verfilmung) und Alfred Kinsey („Dr. Sex“, 2004) porträtiert Tom Coraghessan Boyle in dem Roman „Die Frauen“ den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Dabei hält er sich eng an die Biografie, verdichtet sie jedoch zu lebendigen Szenen und vermittelt bewusst ein subjektives Bild. Auf das Werk des Baukünstlers geht T. Coraghessan Boyle nicht näher ein; stattdessen beleuchtet er dessen Persönlichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln.

Dem Buch hat er ein Zitat von Frank Lloyd Wright vorangestellt:

Schon früh in meinem Leben musste ich mich zwischen ehrlicher Arroganz und scheinheiliger Demut entscheiden; ich entschied mich für die Arroganz.

Dementsprechend schildert T. Coraghessan Boyle den Architekten als einen egomanischen Narziss, der eine kultische Verehrung erwartet und seine Jünger wie ein Despot ausbeutet. Seine Bediensteten bezahlt er nach Gutdünken, und da er ständig über seine Verhältnisse lebt, kann er ihnen meistens auch gar kein Geld geben. Frank Lloyd Wright bevorzugt deftige Hausmannskost, duldet an seinem Tisch keinen Alkohol und mag es nicht, wenn Frauen rauchen. Er ist ein Schürzenjäger, der zwar überzeugt ist, dass es für die meisten Menschen Regeln geben müsse, sich als Genie jedoch darüber erhaben fühlt. Mit seiner nonkonformistischen Lebensführung brüskiert er nicht nur seine Umgebung, sondern macht sich zugleich auch selbst, seine Ehefrauen und die Geliebten zu Opfern der sensationshungrigen Klatschpresse. Mit großer Verve erzählt T. Coraghessan Boyle, wie Frank Lloyd Wright versucht, Reporter und Nachbarn zu täuschen, indem er Geliebte als Hausmädchen ausgibt. Da spiegelt sich die prüde, heuchlerische Gesellschaft der USA zwischen den beiden Weltkriegen.

Er war kein Frauenheld im klassischen Sinne. Er hatte sehr starke und lang anhaltende Beziehungen. Er brauchte eine starke Frau an seiner Seite, jemanden, der ihm etwas entgegensetzte. Wright verlangte Anbetung von allen Menschen um ihn herum. Aber von seinen Frauen gewinnt man den Eindruck, dass sie ihn nicht bedingungslos angehimmelt haben […]
Nach den Fotos zu urteilen, sah Frank Lloyd Wright nicht besonders attraktiv aus, aber er hatte Charisma. Er war klein, doch er trat auf, als sei er der größte Mensch auf Erden […] Er fuhr mit seinem schicken, offenen Automobil vor und kutschierte die Ehefrauen seiner Auftraggeber herum. Sie waren letzlich oft diejenigen, die ihre Gatten überredeten, diesem exzentrischen Architekten Geld für einen Neubau zu geben. Wright war ein Betrüger und Verführer. (Tom Coraghessan Boyle im Interview mit Ute Thon)

Ein ironischer Unterton und eine elegante, geschliffene Sprache machen „Die Frauen“ zu einem Lesevergnügen. Die farbigste der Figuren ist nicht Frank Lloyd Wright, sondern Maude („Miriam“) Noel, seine Lebensgefährtin von 1914 bis 1924. Die Szene, in der Miriam umringt von Reportern vor dem verschlossenen Tor von Taliesin steht und es ihr nicht gelingt, eingelassen zu werden, schildert T. Coraghessan Boyle zunächst aus ihrer Perspektive, dann noch einmal aus der Sicht ihrer Nebenbuhlerin Olga („Olgivanna“) Lazovich Milanoff Hinzenburg, die unbemerkt aus dem Fenster schaut und sich dann mit ihrem Geliebten und ihren Töchtern im Garten versteckt, während der Sheriff im Gebäude nach ihnen sucht.

Tom Coraghessan Boyle bewohnt übrigens selbst mit seiner Familie seit 1994 ein von Frank Lloyd Wright entworfenes, 1909 gebautes Haus in Santa Barbara (Georg Stewart House).

Den Roman „Die Frauen“ von T. Coraghessan Boyle gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrich Matthes (Lesefassung: Regina Carstensen, Regie: Ralf Ebel, Der Hörverlag, München 2009, 8 CDs, ISBN: 978-3-86717-367-4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Frank Lloyd Wright (Kurzbiografie)

Tom Coraghessan Boyle (kurze Biografie / Bibliografie)
Tom Coraghessan Boyle: Wassermusik
Tom Coraghessan Boyle: World’s End
Tom Coraghessan Boyle: Grün ist die Hoffnung
Tom Coraghessan Boyle: Willkommen in Wellville (Verfilmung)
Tom Coraghessan Boyle: América
Tom Coraghessan Boyle: Riven Rock
Tom Coraghessan Boyle: Schluss mit cool
Tom Coraghessan Boyle: Zähne und Klauen
Tom Coraghessan Boyle: Talk Talk
Tom Coraghessan Boyle: Das wilde Kind
Tom Coraghessan Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist
Tom Coraghessan Boyle: San Miguel
Tom Coraghessan Boyle: Hart auf hart
Tom Coraghessan Boyle: Die Terranauten

William Shakespeare - Titus Andronicus
"Titus Andronicus" ist eine grausame Tragödie in 5 Akten. Shakespeare zeigt, dass Egoismus und Konkurrenz, Gewalt und Rache das Leben bestimmen; die politische Geschichte interpretiert er als blutiges Machtspiel, als Folge von Katastrophen im Zusammenleben der Menschen.
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