Wolfgang Borchert : Draußen vor der Tür

Draußen vor der Tür

Wolfgang Borchert

Draußen vor der Tür

Draußen vor der Tür Manuskript: Januar 1947 Hörspiel: NWDR, 13. Februar 1947 Uraufführung: Hamburg, 21. November 1947 Erstausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 1949 Bibliothek des 20. Jahrhunderts Hg.: Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki Deutscher Bücherbund, Stuttgart / München o. J.
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein 25-jähriger Kriegsheimkehrer findet bei seiner Frau einen anderen Mann vor und stößt überall auf Unverständnis und fehlende Hilfsbereitschaft; er bleibt "draußen vor der Tür". Als er nach dem missglückten Versuch, sich zu ertränken, von einem Mädchen mitgenommen und mit den Kleidern ihres vermissten Ehemanns versorgt wird, treibt er einen anderen Kriegsheimkehrer in den Selbstmord ...
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Kritik

"Draußen vor der Tür" ist ein packendes, groteskes, expressionistisches Drama in einer außergewöhnlich poetischen Sprache.
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Ein Mann kommt nach Deutschland.
Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel (und abends machmal auch die Menschen) zu erschrecken. Innerlich – auch. Er hat tausend Tage draußen in der Kälte gewartet. Und als Eintrittsgeld musste er mit seiner Kniescheibe bezahlen. Und nachdem er nun tausend Nächte draußen in der Kälte gewartet hat, kommt er endlich doch noch nach Hause.
Ein Mann kommt nach Deutschland. (Seite 12)

Mit diesen Sätzen beginnt das Drama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert, „ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“, wie es im Untertitel heißt.

Im Vorspiel beobachtet der Beerdigungsunternehmer in St. Pauli einen Mann, der bei den Landungsbrücken steht und aufs Wasser der Elbe schaut. Es handelt sich um den fünfundzwanzigjährigen Kriegsheimkehrer Beckmann, der drei Jahre in Russland war, zuletzt als Kriegsgefangener in Sibirien. Wegen einer zertrümmerten Kniescheibe hat er ein steifes Bein. Er trägt eine scheußliche Gasmaskenbrille mit Blechrand, aber eine andere Brille besitzt er nicht.

Aha, da steht einer. Da auf dem Ponton. Sieht aus, als ob er Uniform anhat. Ja, einen alten Soldatenmantel hat er an. Mütze hat er nicht auf. Seine Haare sind kurz wie eine Bürste. Er steht ziemlich dicht am Wasser. Beinahe zu dicht am Wasser steht er da. Das ist verdächtig. Die abends im Dunkeln am Wasser stehn, das sind entweder Liebespaare oder Dichter. Oder das ist einer von der großen grauen Zahl, die keine Lust mehr haben. Die den Laden hinwerfen und nicht mehr mitmachen. Scheint auch so einer zu sein von denen, der da auf dem Ponton. Steht gefährlich dicht am Wasser. Steht ziemlich allein da. Ein Liebespaar kann es nicht sein, das sind immer zwei. Ein Dichter ist es auch nicht. Dichter haben längere Haare. Aber dieser hier auf dem Ponton hat eine Bürste auf dem Kopf. Merkwürdiger Fall, der da auf dem Ponton, ganz merkwürdig. (Es gluckst einmal schwer und dunkel auf. Die Silhouette ist verschwunden.) Rums! Da! Weg ist er. Reingesprungen. Stand zu dicht am Wasser. Hat ihn wohl untergekriegt. Und jetzt ist er weg. Rums. Ein Mensch stirbt. Und? Nichts weiter. (Seite 13)

Gott kommt vorbei: ein alter Mann, der verzweifelt ist, weil die Menschen sich das Leben nehmen und er nichts daran ändern kann.

Beckmann kehrte gestern aus Sibirien zurück nach Hamburg, aber da war ein anderer Mann bei seiner Frau.

Drei Jahre sind viel, weißt du. Beckmann – sagte meine Frau zu mir. Einfach nur Beckmann. Und dabei war man drei Jahre weg. Beckmann sagte sie, wie man zu einem Tisch Tisch sagt. Möbelstück Beckmann. Stell es weg. Das Möbelstück Beckmann. (Seite 21)

Das ist das Leben! Ein Mensch ist da, und der Mensch kommt nach Deutschland, und der Mensch friert. Der hungert und der humpelt! Ein Mann kommt nach Deutschland! Er kommt nach Hause, und da ist sein Bett besetzt. Eine Tür schlägt zu, und er steht draußen. (Seite 89)

Als Beckmann sich in der Elbe zu ertränken versucht, spuckt ihn der Fluss wieder aus. Ein Mädchen findet ihn völlig durchnässt am Ufer. Sie nimmt ihn mit nach Hause und gibt ihm trockene Kleider von ihrem seit Stalingrad, also seit drei Jahren, vermissten Mann. Doch der kommt unvermittelt heim, trifft in seiner Wohnung auf Beckmann, und der trägt auch noch seine Sachen. Beckmann läuft fort. Er kennt den Mann, dem man ein Bein amputiert hat. Er fühlt sich schuldig an der Kriegsverletzung, denn er war Unteroffizier und befahl dem Gefreiten Bauer – so heißt der andere Kriegsheimkehrer –, seinen Posten bis zuletzt zu halten.

In der dritten Szene betritt Beckmann das Esszimmer des Obersten, der mit Ehefrau, Tochter und Schwiegersohn am Tisch sitzt und zu Abend isst. Er möchte einmal wieder spüren, wie es ist, von einem warmen Zimmer durchs Fenster hinauszuzuschauen.

Beckmann erzählt, dass er nicht schlafen kann. Jede Nacht erwacht er von seinem eigenen Schrei aus einem Albtraum. Er möchte dem Obersten die Verantwortung zurückgeben. Der Oberst hatte ihm nämlich befohlen, mit einem Spähtrupp bei 42 Grad Kälte den Wald östlich von Gorodok zu erkunden und möglichst ein paar Gefangene zu machen. Als der Unteroffizier Beckmann zurückkam, fehlten elf seiner Männer. Deren Angehörige lassen ihn jetzt nicht mehr schlafen. Die Witwen fragen ihn nach ihren Männern.

Es sind nur elf Frauen, Herr Oberst, bei mir sind es nur elf. Wieviel sind es bei Ihnen, Herr Oberst? Tausend? Zweitausend? Schlafen Sie gut, Herr Oberst? Dann macht es Ihnen wohl nichts aus, wenn ich Ihnen zu den zweitausend noch die Verantwortung für meine elf dazugebe. (Seite 43)

Während sich der Oberst das seltsame Verhalten des ungebetenen Besuchers anfangs als Folge eines Kriegstraumas erklärte – „Ich habe aber doch stark den Eindruck, dass Sie einer von denen sind, denen das bisschen Krieg die Begriffe und den Verstand verwirrt hat“ (Seite 36) – hält er den Auftritt inzwischen für einen kabarettreifen Witz.

Also sucht Beckmann den Leiter eines Kabaretts auf und versucht, eine Anstellung in dessen Theater zu bekommen, aber der Direktor hält ihn für zu unerfahren.

Direktor: […] Lassen Sie sich erst mal den Wind um die Nase wehen, junger Freund. Riechen Sie erst mal ein wenig hinein ins Leben. Was haben Sie denn so bis jetzt gemacht?
Beckmann: Nichts. Krieg: Gehungert. Gefroren. Geschossen: Krieg. Sonst nichts.
Direktor: Sonst nichts? Na, und was ist das? Reifen Sie auf dem Schlachtfeld des Lebens, mein Freund. Arbeiten Sie. Machen Sie sich einen Namen, dann bringen wir Sie in großer Aufmachung raus. Lernen Sie die Welt kennen, dann kommen Sie wieder. Werden Sie jemand! (Seite 51f)

Beckmanns Elternhaus steht noch, aber er wundert sich, weil an der Tür statt des alten Messingschildes mit dem Namen „Beckmann“ ein Stück Pappe hängt, auf das jemand „Kramer“ geschrieben hat. Frau Kramer öffnet. Das Haus gehört jetzt ihr und ihrem Mann. Was er denn für ein Sohn sein, wenn er nicht einmal wisse, wo seine Eltern sind, fragt sie entrüstet. Dann klärt sie ihn rücksichtslos darüber auf, dass die beiden auf dem Friedhof liegen. Weil Beckmanns Vater gegen die Juden geschimpft hatte, verlor er nach dem Krieg Stelle und Pension. Auch aus der Wohnung sollte er vertrieben werden. Aber da drehten er und seine Frau das Gas auf.

Niemand hilft Beckmann, weder seine Frau, noch der Beerdigungsunternehmer, der Oberst, der Kabarettdirektor, Frau Kramer oder der liebe Gott. Aber er selbst hat auch schon wieder einen Menschen in den Tod getrieben: Der Einbeinige, dessen Frau ihm trockene Sachen zum Anziehen gegeben hatte, ertränkte sich in der Elbe. Beckmann weiß nicht, ob er weiterleben soll.

Wozu? Für wen? Für was? Hab ich kein Recht auf meinen Tod? Hab ich kein Recht auf meinen Selbstmord? Soll ich mich weiter morden lassen und weiter morden? Wohin soll ich denn? Wovon soll ich leben? Mit wem? Für was? Wohin sollen wir denn auf dieser Welt! Verraten sind wir. Furchtbar verraten.
Wo bist du, Anderer? Du bist doch sonst immer da!
Wo bist du jetzt, Jasager? Jetzt antworte mir! Jetzt brauche ich dich, Antworter! Wo bist du denn? Du bist ja plötzlich nicht mehr da! Wo bist du, Antworter, wo bist du, der mir den Tod nicht gönnte! Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt?
Warum redet er denn nicht!
Gebt doch Antwort!
Warum schweigt ihr denn? Warum?
Gibt denn keiner Antwort?
Gibt keiner Antwort???
Gibt denn keiner, keiner Antwort??? (Seite 90f)

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Ein Kriegsheimkehrer namens Beckmann findet sich in seiner Heimat nicht mehr zurecht und stößt überall auf Unverständnis und fehlende Hilfsbereitschaft; er bleibt „draußen vor der Tür“. Als er von einem mitleidigen Mädchen mitgenommen wird, treibt er einen anderen Kriegsheimkehrer in den Selbstmord. Beckmann weiß nicht, ob er weiterleben soll. Das Ende bleibt offen.

„Draußen vor der Tür“ ist ein packendes Drama aus fünf Szenen, einem Vorspiel und einem Traum, mit dem Wolfgang Borchert zum „spiritus rector der so genannten Stunde Null“ (Reinhard Baumgart) wurde. In dem grotesken, expressionistischen Stück treten Gott (als hilfloser alter Mann), der Tod (als Straßenkehrer), die Elbe und die zuversichtlichere Seite Beckmanns als Personen auf. Trotz des erschütternden Inhalts ist es ein großer Genuss, die poetische Sprache Wolfgang Borcherts zu lesen oder zu hören. Ein Teil der Wirkung beruht auf Rhythmen, Wiederholungen und Leitmotiven.

Wolfgang Borchert (1921 – 1947) floh 1945 schwer krank aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg. Dort entstand innerhalb weniger Monate sein gesamtes literarisches Werk – darunter vor allem das Drama „Draußen vor der Tür“ und die unter dem Titel „Die Hundeblume“ veröffentlichten Erzählungen. Im Herbst 1947 ermöglichten Freunde ihm einen Krankenhausaufenthalt in Basel, wo er am 20. November 1947 einem Leberleiden erlag. (Literatur: Peter Rühmkorf, „Wolfgang Borchert“ – Rowohlt Bildmonographie)

„Draußen vor der Tür“ wurde am 13. Februar 1947 vom Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) als Hörspiel gesendet und am 21. November 1947 – einen Tag nach Wolfgang Borcherts Tod – in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Wolfgang Liebeneiner (1905 – 1987), der bereits die Uraufführung des Stücks „Draußen vor der Tür“ inszeniert hatte, adaptierte es 1948 fürs Kino: „Liebe 47“.

Liebe 47 – Regie: Wolfgang Liebeneiner – Drehbuch: Wolfgang Liebeneiner, nach dem Bühnenstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert – Kamera: Franz Weihmayr – Schnitt: Walter von Bonhorst – Musik: Hans Martin Majewski – Darsteller: Hilde Krahl, Karl John, Erich Ponto, Paul Hoffmann, Hubert von Meyerinck, Luise Franke-Booch, Helmuth Rudolph, Dieter Horn, Sylvia Schwarz, Erika Müller, Hedwig Wangel, Alice Verden, Grete Weiser, Albert Florath, Leonore Esdar, Gisela Burghardt, Herbert Tiede, Leopold von Ledebur, Heinz Klevenow, Rudolf Klavius, Kurt A. Jung, Erwin Geschonneck , Inge Meysel, Tilo von Berlepsch u.a. – 1949

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Wolfgang Borchert: Das Brot

Henry James - Washington Square
Ruhig und mit sehr viel Liebe zum Detail veranschaulicht Henry James die Charaktere und das großbürgerliche Milieu, in dem sie sich bewegen. Eindrucksvoll ist vor allem der Gegensatz zwischen dem zwar souveränen, aber gefühlsarmen und großbürgerlichen Konventionen verhafteten Vater und seiner sensiblen Tochter.
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