Gerbrand Bakker : Oben ist es still

Oben ist es still

Gerbrand Bakker

Oben ist es still

Originalausgabe: Boven is het stil Uitgeverij Cossee, Amsterdam 2006 Oben ist es still Übersetzung: Andreas Ecke Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2008 ISBN: 978-3-518-42013-3, 316 Seiten, 19.80 € (D) Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 2009 ISBN: 978-3-518-46142-6, 316 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als sein Zwillingsbruder Henk 1967 mit 19 bei einem Unfall ums Leben kam, musste Helmer van Wonderen sein Studium abbrechen und seinem Vater anstelle von Henk in der Landwirtschaft helfen. Riet, Henks Verlobte, wurde vom Hof gewiesen. – Jahrzehnte später trägt Helmer den inzwischen bettlägerigen Greis ins Obergeschoss des Bauernhauses, entrümpelt das Parterre und richtet sich dort ein. Kurz darauf meldet sich Riet nach 35 Jahren erstmals wieder ...
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Kritik

Bei "Oben ist es still" handelt es sich um einen eigenwilligen, voll und ganz gelungenen Roman. Mit einer bewusst schlichten, spröden und lakonischen Sprache schafft Gerbrand Bakker eine dichte Atmosphäre.
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Ich habe Vater nach oben geschafft. (Seite 9)

Mit diesem Satz beginnt Gerbrand Bakker seinen Roman „Oben ist es still“.

Der Ich-Erzähler Helmer van Wonderen ist fünfundfünfzig Jahre alt. Nachdem er sein Zimmer leer geräumt hat, stellt er das Doppelbett seiner Eltern darin auf und trägt seinen greisen, gebrechlichen Vater die Treppe hinauf.

Seine Mutter starb vor mehr als zehn Jahren an einem Herzinfarkt.

Mutter war eine unerhört hässliche Frau. (Seite 26)

Die Pflanzen wirft er auf den Misthaufen, zuerst die blühenden und dann auch alle übrigen. Er entrümpelt das Parterre, streicht Dielen und Wände, kauft sich ein neues Bett und lässt es im bisherigen Schlafzimmer der Eltern aufstellen.

Helmer und sein Zwillingsbruder Henk wurden am 23. Mai 1947 geboren. Obwohl Helmer ein paar Minuten vor Henk auf die Welt kam, hieß es nie „Helmer und Henk“, sondern immer nur „Henk und Helmer“. Und als die beiden im Dezember 1965 in einer Kneipe in Monnickendam Riet zum ersten Mal sahen, verliebte sich die hübsche, gleichaltrige Frau nicht in Helmer, sondern in Henk. Dabei sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Mit acht hatten Henk und Helmer separate Zimmer im Elternhaus bezogen, aber Helmer war auch danach häufig zu seinem Zwillingsbruder ins Bett gekrochen. Das ließ Henk allerdings nicht mehr zu, nachdem er Riet im Januar 1966 mit ins Haus gebracht hatte.

Als Henk so weit war, dass er alle Tätigkeiten auf dem Bauernhof beherrschte, entließ der Vater im Frühjahr 1966 den damals etwa dreißigjährigen Knecht Jaap, der vierzehn Jahre lang für ihn gearbeitet hatte.

Während der Vater sich von Henk auf dem Bauernhof helfen ließ, begann Helmer im September 1966, in Amsterdam Niederländische Sprach- und Literaturwissenschaften zu studieren.

Henk war der Bauer, Henk war Vaters Junge. Was er mit mir anfangen sollte oder was ich mit mir selbst anfangen sollte, darüber machte Vater sich weiter keine Gedanken. (Seite 69)

Kurz nachdem Riet den Führerschein gemacht hatte, wollte sie ihrem Verlobten imponieren. Sie fuhren in Vaters Simca los. Es war der 19. April 1967. Als ihr zwischen Edam und Warder ein anderes Auto entgegenkam und sie ausweichen musste, verlor sie die Kontrolle über das Fahrzeug. Sie überschlugen sich und landeten im Ijsselmeer. Riet konnte sich aus dem Wrack befreien, aber die Beifahrertür klemmte, Henk war bewusstlos und konnte nicht gerettet werden.

Eine Woche später, als die Eltern, Helmer und Riet beim Essen saßen, forderte der Vater die junge Frau unvermittelt auf, das Haus zu verlassen und nicht mehr wiederzukommen. Im gleichen Atemzug machte er Helmer klar, dass er das Studium abzubrechen und ihm fortan anstelle von Henk auf dem Bauernhof zu helfen habe. Was Helmer darüber dachte, interessierte ihn nicht.

Henk hätte hier wohnen sollen. Mit Riet und mit Kindern. (Seite 238)

Helmer hasst seinen Vater, weil dieser ihn gezwungen hatte, Henks Rolle zu übernehmen.

Das wäre am besten: wenn er einfach verschwinden würde. (Seite 31)

Er blieb unverheiratet und bewirtschaftet den Hof längst allein, das heißt, er versorgt zwanzig Milchkühe, etwas Jungvieh, zwei Esel, dreiundzwanzig Mutterschafe und ein paar Lakenvelder Hühner. Dazu kommt, dass er den Haushalt führen, seinem Vater das Essen hinaufbringen und ihn zur Toilette heruntertragen muss.

Teun und Ronald, die beiden Jungen vom Nachbarhof, tollen auch bei Helmer herum, und er lässt sie die Esel füttern. Ihre etwa fünfunddreißigjährige Mutter Ada, deren Gesicht durch eine Lippenspalte entstellt ist, beobachtet das Treiben mit einem Feldstecher und kommt auch regelmäßig herüber. Ihr Ehemann Wim, der zehn oder fünfzehn Jahre älter ist als sie, lässt sich allerdings nie sehen, und wenn er etwas benötigt, beauftragt er Ada, es Helmer auszurichten.

Bald nachdem Helmer dem Viehhändler drei trächtige Schafe verkauft hat, hört der Achtundsechzigjährige zu arbeiten auf und besucht mit seiner Frau die Tochter in Neuseeland. Auch bei den Milchfahrern gibt es einen Wechsel: Arie, der ältere der beiden, erliegt einem Herzinfarkt. Einige Zeit holt Galtjo die Milch allein ab, dann übernimmt Greet, eine wortkarge Frau Mitte vierzig, den Wagen des toten Milchfahrers.

Nachdem Helmer fünfunddreißig Jahre lang nichts von Riet gehört hat, erhält er unvermittelt einen Brief von ihr. Sie wohnt in Brabant. Ihr Ehemann, ein Schweinemäster, starb vor einiger Zeit. Auf die Frage nach seinem Vater antwortet Helmer, der sei tot; man habe ihn eingeäschert und die Asche verstreut. Riet kommt zu Besuch – und ahnt nicht, dass der Vater oben in seinem Bett liegt. Helmer spielt zunächst mit dem Gedanken, sie könne wegen ihm gekommen sein, aber dann stellt er enttäuscht fest, dass sie von sich und Henk redet, aber sich nicht erkundigt, wie es ihm ergangen ist.

„Was für Tiere sind Schweine eigentlich?“, frage ich.
„Auf jeden Fall keine Kühe.“ Sie greift mit der Hand in das Bindfadenbündel, das an einem riesigen Nagel hängt. „Ferkel sind süß, aber wenn sie älter werden, sind sie weniger angenehm.“
„Und dann werden sie geschlachtet.“
„Ja, dann werden sie geschlachtet.“
„Und dein Mann?“
„Wie, mein Mann?“
„Was war er für ein Mann?“
Sie überlegt einen Moment. „Er war brav. Ein braver Mann.“
„Brav?“
„Ja.“ (Seite 108f)

Erst vor dem Abschied rückt Riet mit ihrem Anliegen heraus: Henk, ihr achtzehnjähriger Sohn, macht ihr Sorgen. Sie bittet Helmer deshalb, ihn für eine Weile als Knecht auf dem Bauernhof zu beschäftigen.

Helmer richtet das frühere Zimmer seines Bruders für ihn her. Der Achtzehnjährige hängt dort ein Poster von Britney Spears auf, und Helmer besorgt ihm nicht nur eine Leselampe, sondern auch noch ein Fernsehgerät. Zwar hilft Henk bei der Arbeit, aber in die Nähe der Esel wagt er sich nicht, weil er als Kind einmal von einem getreten wurde. Jeden Morgen hat Helmer zu tun, bis er ihn aus dem Bett bekommt.

Eine Nebelkrähe, die sich seit Monaten auf dem Bauernhof aufhält, greift Henk eines Tages an, als er mit dem Fahrrad von Helmers Vater wegfahren will. Sie krallt sich auf seinem Kopf fest und hackt ihm mit dem Schnabel in die Stirn. Henk stürzt. Helmer bringt ihn nach Purmerend ins Krankenhaus, wo die Wunde genäht wird.

Kurz darauf bleibt Helmer bei dem Versuch, ein Schaf aus einem Graben zu ziehen, im Schlamm stecken, kann sich nicht mehr aufrecht halten, gerät unter das Tier und droht zu ertrinken. Im letzten Augenblick wird Henk auf den Vorfall aufmerksam und rettet ihn.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Als Riet von ihrem Sohn nach zweieinhalb Monaten erfährt, dass Helmers Vater noch lebt, beschwert sie sich in einem Brief über Helmers Lüge und verlangt, dass Henk zu ihr zurückkommt. Helmer will ihn auch loshaben. Zuerst zögert Henk, aber dann reist er ab.

Zu diesem Zeitpunkt hat Helmers Vater bereits zu essen aufgehört. Er möchte sterben und trinkt deshalb nur noch Wasser und Orangensaft. Als er nach längerem Fasten ein Ei isst, stirbt er.

Während die Leiche aufgebahrt im Sarg liegt, trifft Helmer Jaap, den früheren Knecht seines Vaters, der noch nichts von Henks Tod weiß. Helmer klärt ihn darüber auf, nimmt ihn mit nach Hause und zeigt ihm die Leiche seines Vaters. Er verkauft die Kühe und Kälber, bittet die beiden Nachbarjungen, die Schafe, Esel und Hühner zu versorgen und bricht mit Jaap nach Dänemark auf. Auch die Nebelkrähe fliegt fort. Seinen sechsundfünfzigsten Geburtstag verbringt Helmer auf den Dünen von Heather Hill bei Rågeleje. Dort erlebt er einen Sonnenuntergang.

Ich weiß, dass ich aufstehen muss, dass es in dem Gewirr von Wegen und ungepflasterten Straßen jetzt schon dunkel ist, wegen der Wäldchen aus Kiefern, Birken und Ahornbäumen. Aber ich bleibe ruhig sitzen. Ich bin allein. (Seite 316)

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Bei „Oben ist es still“ handelt es sich um einen eigenwilligen, voll und ganz gelungenen Roman von Gerbrand Bakker.

Erzählt wird die skurrile Geschichte in der Ich-Form von Helmer van Wonderen, einem Mann Mitte fünfzig, der nach dem Tod seines Zwillingsbruders dessen Rolle einnehmen musste und darauf wartet, dass sein pflegebedürftiger Vater endlich stirbt, damit er sein eigenes Leben beginnen kann.

Der anrührende Roman spielt in der Gegenwart, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, aber Helmers Gedanken führen uns immer wieder zurück zu tragischen Ereignissen in den Sechzigerjahren, ohne deren Kenntnis wir die jetzige Situation nicht verstehen würden.

Gerbrand Bakker vermeidet jede Effekthascherei. Er verwendet zwar Tiere als Symbole und Leitmotive, aber seine Sprache ist nicht ambitioniert, sondern bewusst schlicht und bedächtig, spröde und lakonisch. Das wirkt authentisch und schafft eine dichte Atmosphäre, die uns beim Lesen in ihren Bann zieht.

Bakkers wortkarger Roman lebt nicht von Dialogen oder inneren Monologen, sondern von der Intensität der Szenen und Bilder, die wie eine literarische Anverwandlung niederländischer Landschaftsmalerei wirkt. (Tobias Heyl, Süddeutsche Zeitung, 8. August 2009)

Nanouk Leopold verfilmte den Roman von Gerbrand Bakker: „Oben ist es still“.

Gerbrand Bakker wurde am 28. April 1962 in Wieringerwaard in den Niederlanden geboren. Er studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaften in Amsterdam, übersetzte Untertitel für Naturfilme, schrieb ein etymologisches Wörterbuch der niederländischen Sprache für Kinder und besitzt ein Diplom als Gärtner. Mit „Oben ist es still“ etablierte sich Gerbrand Bakker auch als Romanautor.

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Inhaltsangabe und Rezension:
© Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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Kritik:
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