Schwabenkinder

Schwabenkinder

Schwabenkinder

Originaltitel: Schwabenkinder - Regie: Jo Baier - Drehbuch: Jo Baier - Kamera: Tomas Erhart - Schnitt: Clara Fabry - Musik: Thomas Osterhoff - Darsteller: Thomas Unterkircher, Hary Prinz, Tobias Moretti, Vadim Glowna, Naomi Krauss, Jürgen Tarrach, Eva Maria Fleissner, Werner Prinz, Andrea Eckert, Christina Amoser, Martin Abram, Vera Lippisch, Bernd Faerber, Roeland Wiesnekker, Maria Hengge, Joseph Holzknecht, Sarah Jung u.a. - 2003; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Kaspar kommt 1908 nach 20 Jahren Abwesenheit in sein Tiroler Heimatdorf. Als seine Mutter tödlich verunglückt war, wusste der Vater nicht, wie er für seine drei Kinder sorgen sollte und schickte den damals achtjährigen Kaspar nach Ravensburg, wo billige Hilfskräfte für den Sommer gesucht wurden. Kaspar musste bei einem Saubauern bis zur Erschöpfung arbeiten, aber er lief davon und schlug sich nach Amerika durch …
Weiterlesen

Kritik

In diesem theatralischen Heimatdrama veranschaulicht Jo Baier am fiktiven Beispiel eines achtjährigen Bergbauernsohnes aus Tirol das Schicksal der "Schwabenkinder", die es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich gab.
Weiterlesen

Im Frühjahr 1908 kommt ein Wanderer in ein Tiroler Dorf. Er ist Ende zwanzig. Unterwegs begegnete er auf einem verschneiten Bergpfad einer von einem alten Mann geführten Gruppe Schwabenkinder. Zielstrebig schlägt der Wanderer den Weg zu einem abgelegenen Bergbauernhof ein. Kaspar (Hary Prinz) kennt sich aus, denn es handelt sich um sein Geburtshaus; hier hatte er seine Kindheit verbracht. Seine ältere Schwester Josefa (Naomi Krauss), die mit ihren vier Kindern im Haus lebt, während ihr Mann bei der Eisenbahn arbeitet und selten daheim ist, hielt ihn längst für tot. Ebenso der Vater Anton Ritter (Vadim Glowna). Kaspar setzt sich an das Bett des im Sterben liegenden alten Mannes und berichtet, wie es ihm erging, seit er das Dorf als Achtjähriger hatte verlassen müssen.

Damals war Kaspars Mutter Agnes bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen. Agnes hatte das Familieneinkommen mit Näharbeiten aufgebessert. Verzweifelt versuchte der Vater, das von der im nahen Schloss wohnenden gnädigen Frau (Andrea Eckert) in Auftrag gegebene Kinderkleid fertigzunähen, denn er benötigte das Geld, um sich, Josefa, Kaspar und das Kleinkind Ambros ernähren zu können. Aber die gnädige Frau geriet außer sich, als sie ihrer Tochter das Kleid anprobierte: Der schöne Stoff war ruiniert! Geld bekam Anton dafür keines. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Rat des Pfarrers (Werner Prinz) zu folgen und seinen achtjährigen Sohn Kaspar (Thomas Unterkircher) fürs Schwabengehen anzumelden.

Ein katholischer Hilfsgeistlicher, ein Kooperator (Tobias Moretti), führte Kaspar und ein Dutzend andere Kinder Not leidender Bergbauern im Alter von sieben bis vierzehn Jahren über verschneite Gebirgspässe. Eines der Mädchen rutschte aus und fiel in einen Bach. Obwohl es das nasse Kleid auszog und sich für die Nacht in eine Decke hüllte, erkrankte das Kind an Lungenentzündung und starb unterwegs. In einem Schneesturm, in dem der erschöpfte Kooperator die Orientierung verlor, wären sie wohl alle erfroren, wenn nicht einer der Jungen in der Nähe ein Hospiz gefunden und Mönche um Hilfe gebeten hätte.

Auf einem Straßenmarkt in Ravensburg bot der Kooperator die Kinder als Mägde, Knechte und Dienstboten an. Die vierzehnjährige Magdalena (Eva Maria Fleissner) kam als Dienstmädchen ins Handelshaus Hiebele. Für Kaspar zahlte der Saubauer Klemens Steinhauser (Jürgen Tarrach) statt der üblichen vierzig zwar nur fünfunddreißig Mark, aber der Kooperator willigte in den Handel ein.

Auf dem Hof des Saubauern und seiner Frau (Vera Lippisch) musste Kaspar um 4 Uhr früh aufstehen und bis zum Umfallen arbeiten. Mit drakonischen Strafen sorgte Steinhauser für Ordnung. Als Kaspar, der jede Nacht sein Kopfkissen nass weinte, ins Bett machte, sperrte der Saubauer ihn trotz der eisigen Kälte in das zugige Plumpsklo neben dem Haus. Dort sollte er die Nacht verbringen. Aber mit einer Kerze und Streichhölzern, die ihm ein Knecht zugesteckt hatte, zündete Kaspar zuerst das bereit liegende Zeitungspapier und damit dann die Tür des Toilettenhäuschens an, damit er ausbrechen konnte.

Dann rannte er nach Ravensburg, suchte das Handelshaus Hiebele auf und überredete Magdalena, die inzwischen von ihrem Arbeitgeber geschwängert worden war, mit ihm fortzulaufen. Sie schlugen sich nach Amerika durch.

Er sei inzwischen mit Magdalena verheiratet, erzählt Kaspar seinem Vater, und lebe mit ihr in Chicago. Nachdem Anton Ritter diese gute Nachricht vernommen hat, stirbt er im Beisein seines Sohnes.

Kaspar Ritter bzw. Rider, wie er sich jetzt nennt, ist Journalist. Er macht die Öffentlichkeit in den USA auf das grausame Schicksal der Schwabenkinder aufmerksam und prangert das Schwabengehen an.

nach oben

In diesem theatralischen, mit pathetischer Musik untermalten Heimatdrama veranschaulicht Jo Baier das Schicksal der „Schwabenkinder“. Auch wenn es sich um ein fiktives und nicht in allen Einzelheiten plausibles Einzelschicksal handelt, hat die Geschichte einen historischen Hintergrund, denn die und das Schwabengehen gab es tatsächlich.

Als „Schwabenkinder“ bezeichnet man die Kinder Not leidender Bergbauern aus Tirol, Vorarlberg und der Schweiz, die jeweils im Frühjahr von ihren Eltern in die Gegend von Ravensburg und Tettnang geschickt und dort von Bauern auf einem entsprechenden Markt gegen Bezahlung als billige Hilfskräfte für den Sommer übernommen wurden. Im Herbst kehrten die Kinder dann wieder nach Hause zurück. Den strapaziösen und lebensgefährlichen Marsch der zumeist von einem Geistlichen geführten Kinder im Alter von sieben bis vierzehn Jahren über die zum Teil noch verschneiten Bergpfade nannte man das „Schwabengehen“.

1908 erschienen in der US-Presse Artikel, die diese in Schwaben praktizierte Form der Ausbeutung anprangerten. Die Kampagne trug dazu bei, dass die Kindermärkte 1915 abgeschafft wurden, aber erst der Zweite Weltkrieg beendete das Schwabengehen endgültig.

Den zur Zeit der Dreharbeiten von „Schwabenkinder“ zehnjährigen Thomas Unterkircher entdeckte Jo Baier, als er von einem Casting in Wien nach München zurückflog. In der Sitzreihe hinter sich hörte er einen aufgeweckten Jungen mit dem richtigen Dialekt, der unaufhörlich auf seine Eltern einredete. Beim Aussteigen sprach Jo Baier die Familie an, und nach improvisierten Probeaufnahmen bot er Thomas Unterkircher die Hauptrolle in seinem Film „Schwabenkinder“ an.

Die Erstausstrahlung des Fernsehfilms „Schwabenkinder“ von Jo Baier erfolgte am 7. März 2003 bei Arte.

Elmar Bereuter schrieb ein Buch über die Schwabenkinder: Die Schwabenkinder. Die Geschichte des Kaspanaze (Verlag LangenMüller, ISBN 978-3-7766-2304-8, als Hörbuch: ISBN 978-3-7844-4068-2).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

Jo Baier (Kurzbiografie / Filmografie)

Jo Baier: Wildfeuer
Jo Baier: Wambo
Jo Baier: Stauffenberg
Jo Baier: Nicht alle waren Mörder
Jo Baier: Liesl Karlstadt und Karl Valentin

Mario Vargas Llosa - Lob der Stiefmutter
"Lob der Stiefmutter" ist ein elegant komponierter, ausgesprochen witziger und unterhaltsamer Roman von Mario Vargas Llosa, der sich dafür zwei unerwartete perfide Schlusspointen ausgedacht hat.
Lob der Stiefmutter

Mario Vargas Llosa

Lob der Stiefmutter

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: