M. J. Adler, C. van Doren : Wie man ein Buch liest

Wie man ein Buch liest

M. J. Adler, C. van Doren

Wie man ein Buch liest

Originalausgabe: How to Read a Book Simon & Schuster, New York 1972 Wie man ein Buch liest Übersetzung: Xenia Osthelder Zweitausendeins, Frankfurt/M 2007 ISBN: 978-3-86150-784-0, 385 Seiten, 22 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Durch effizientes Lesen geeigneter Bücher sollen wir uns geistig weiterentwickeln. Deshalb erklären uns die Autoren, "wie man ein Buch liest". Dabei unterscheiden sie vier "Lesestufen". Ein Buch sollte man zunächst auf Genre, Inhalt und Aufbau prüfen und erst dann entscheiden, ob man es "richtig" lesen will. Für dieses "analytische Lesen" stellen die Autoren 15 Regeln auf. Als höchste Lesestufe betrachten sie das "syntopische Lesen", das vergleichende Lesen mehrerer Bücher zu einem bestimmten Thema.
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Kritik

Mortimer J. Adler und Charles van Doren fokussieren sich in "Wie man ein Buch liest" auf Sachbücher. Die von ihnen für Belletristik aufgestellten Leseregeln sind recht trivial. Auf Themen wie Stil und Sprachniveau gehen sie überhaupt nicht ein.
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Mortimer J. Adler und Charles van Doren wollen mit ihrem Ratgeber „Wie man ein Buch liest“ Leser dazu anhalten, sich durch effizientes Lesen geeigneter Bücher geistig weiterzuentwickeln.

[…] ist es für Sie von entscheidender Bedeutung, nicht nur gut zu lesen, sondern auch die Bücher zu erkennen, die so anspruchsvoll sind, dass Sie Ihre Lesefähigkeiten steigern. Ein Buch, das Sie nur unterhält, ist eine angenehme Ablenkung, wenn Sie einmal nichts zu tun haben. Wir haben nichts dagegen, Bücher zur Unterhaltung zu lesen; aber das hat keine Verbesserung oder Steigerung der Lesefertigkeit zur Folge. Dasselbe gilt für ein Buch, das Sie nur über Fakten informiert, die Ihnen bislang unbekannt waren. Zu neuen Erkenntnissen verhilft es Ihnen nicht. Informatives Lesen fordert unseren Verstand genauso wenig wie Lesen um der Unterhaltung willen. Der Zugewinn ist quantitativ, nicht qualitativ. (Seite 352)

Die Autoren sind der Meinung, dass die meisten Menschen in den Bildungseinrichtungen nur elementare Lesekenntnisse erlernen.

[…] dass man Kindern noch immer nur elementare Lesekenntnisse beibringt. Ein Großteil unserer Bildungsbemühungen und unseres Geldes fließt in den Leseunterricht der ersten Schuljahre. Danach wird den Schülern wenig formaler Unterricht darin erteilt, im Lesen ein höheres und höchstes Niveau zu erreichen. (Seite 10)

Diese Lücke versuchen Sie mit „Wie man ein Buch liest“ zu schließen.

Mortimer J. Adler und Charles van Doren unterscheiden vier „Lesestufen“:

  1. Elementares Lesen
  2. Prüfendes Lesen
  3. Analytisches Lesen
  4. Syntopisches Lesen

Die höheren Stufen setzen die niedrigeren voraus. Als elementares Lesen bezeichnen Mortimer J. Adler und Charles van Doren das, was Schüler bis etwa zum 14. Lebensjahr lernen: Die Jugendlichen sollten in der Lage sein, nicht nur selbstständig Bücher zu lesen, sondern auch über den Inhalt des Gelesenen nachzudenken und mit anderen darüber zu diskutieren. Unter dem prüfenden Lesen verstehen die Autoren etwas wie Querlesen, d.h. man verschafft sich anhand des Titels, Untertitels, Inhaltsverzeichnisses, Vorworts, Klappentextes u.a. einen Überblick über ein Buch, um drei Fragen zu beantworten:

  1. Mit welcher Art Buch habe ich es zu tun?
    (theoretisches bzw. praktisches Sachbuch, Roman, Theaterstück, Lyrik …)
  2. Wovon handelt es?
  3. Wie ist es aufgebaut? (Konstruktionsprinzip, Plot, Gerippe, Gliederung)

Nachdem man durch prüfendes Lesen den Eindruck gewonnen hat, dass sich die Lektüre eines Buches lohnt, folgt das analytische Lesen. Für diese Lesestufe stellen Mortimer J. Adler und Charles van Doren fünfzehn Regeln auf, die sie in drei Gruppen einteilen:

  1. Worum geht es in dem Buch? (Regeln 1 bis 4)
  2. Interpretation (Regeln 5 bis 7)
  3. Kritische Würdigung (Regeln 8 bis 15)
  1. Klassifizieren Sie das Buch nach Art und Thema.
  2. Legen Sie kurz dar, wovon das Buch handelt.
  3. Zählen sie die Hauptteile des Buchs in der richtigen Reihenfolge und in ihrer Beziehung zueinander auf und geben Sie einen Überblick über diese Teile.
  4. Benennen Sie die Probleme, die der Autor zu lösen versucht.
  5. Finden Sie die wichtigen Begriffe und klären Sie diese.
  6. Streichen Sie die wichtigsten Sätze im Buch an und suchen Sie nach den darin enthaltenen Behauptungen.
  7. Suchen Sie die Sätze mit den grundlegenden Argumenten des Autors.
  8. Stellen Sie fest, welche Lösungen der Autor gefunden hat.
  9. Bevor Sie ein Buch kritisch beurteilen, müssen Sie es verstanden haben.
  10. Wenn Sie dem Autor widersprechen, tun Sie das sachlich.
  11. Unterscheiden sie immer zwischen Wissen und persönlicher Meinung und begründen Sie Ihre Kritik.
  12. Weisen Sie nach, inwieweit der Autor uninformiert ist.
  13. Weisen Sie nach, inwieweit der Autor fehlinformiert ist.
  14. Weisen Sie nach, inwieweit der Autor unlogisch denkt.
  15. Weisen Sie nach, inwieweit Darlegung oder Analyse des Autors unvollständig sind.
    (Seite 73ff, 378f)

Ein gutes Buch hat einen aktiven Leser verdient. Das Lesen endet nicht damit, dass man das Buch verstanden hat. Die Arbeit muss durch eine kritische Würdigung, durch eine Beurteilung, zum Abschluss gebracht werden. Der anspruchslose Leser tut das nicht, er analysiert und interpretiert auch nicht. (Seite 158)

Für Belletristik gelten eigene Regeln:

  1. Versuchen Sie nicht, sich den Wirkungen zu widersetzen, die ein belletristisches Werk auf Sie ausübt.
  2. Suchen Sie nicht nach Begriffen, Behauptungen und Argumenten in Werken der schönen Literatur.
  3. Wahrheit und Folgerichtigkeit sind keine Kriterien für die Beurteilung von Belletristik.
  4. Machen Sie sich in der imaginären Welt heimisch.
  5. Kritisieren Sie einen Roman oder ein Drama erst dann, wenn Sie voll einschätzen können, welches Erlebnis der Schriftsteller Ihnen vermitteln wollte.
  6. Lesen sie erzählende Prosa schnell und tauchen Sie völlig in sie ein.
  7. Lesen Sie ein Gedicht in einem Stück, ohne zu unterbrechen, wenn Sie etwas nicht verstehen.
  8. Lesen Sie das Gedicht nach dem ersten Durchgang noch einmal durch, aber lesen Sie es laut.
    (Seite 221ff, 379f)

Die vierte Lesestufe, das syntopische Lesen, ist nur relevant, wenn verschiedene Bücher zu einem bestimmten Thema gelesen werden sollen. Dafür stellen Mortimer J. Adler und Charles van Doren fünf spezielle Leseregeln auf:

  1. Finden Sie die wesentlichen Textpassagen.
  2. Legen Sie die Begriffe fest.
  3. Stellen Sie klare Fragen.
  4. Definieren sie die Probleme.
  5. Analysieren Sie die Diskussion
    (Seite 325ff, 380)

Von Schnelllesekursen halten Mortimer J. Adler und Charles van Doren nicht allzu viel, denn ihrer Meinung nach handelt es sich dabei um „Förderkurse im Lesen […], da sie in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, das Lesen auf der Elementarstufe zum Gegenstand haben“ (Seite 51). Es dürfe auch nicht alles mit demselben Tempo gelesen werden, lehren sie, die Lesegeschwindigkeit sollte sich vielmehr nach der Textart und dem Schwierigkeitsgrad richten.

Man sollte ein Buch nicht langsamer lesen, als es verdient, und nicht schneller, als man es mit Befriedigung und Textverständnis lesen kann. (Seite 57)

„Wie man ein Buch liest“ ist in vier Teile gegliedert:

  1. Lesen ist nicht gleich lesen
  2. Dritte Lesestufe: Analytisches Lesen
  3. Gemischte Lesestoffe
  4. Vierte Lesestufe: Syntopisches Lesen

Im ersten Teil erläutern Mortimer J. Adler und Charles van Doren das Konzept der vier Lesestufen und beschreiben die ersten beiden. Der zweite Teil ist dem analytischen Lesen gewidmet. Im dritten Teil gehen Mortimer J. Adler und Charles van Doren auf die Besonderheiten verschiedener Lesestoffe ein: Praktische Bücher, Belletristik, erzählende Literatur, Drama und Lyrik, Geschichtsschreibung, Naturwissenschaft und Mathematik, Philosophie, Sozialwissenschaften. Im letzten Teil beschäftigen sie sich mit dem syntopischen Lesen und der geistigen Entwicklung durch effizientes Lesen.

Im Anhang zählt Mortimer J. Adler „die besten Bücher“ auf, und zwar chronologisch von den Epen Homers („Ilias“, „Odyssee“) bis zu den Romanen „Der erste Kreis der Hölle“ und „Krebsstation“ von Alexander Solschenizyn, insgesamt etwa hundertfünfzig Titel. Die deutsche Ausgabe enthält außerdem zwei von „Die Zeit“ aufgestellte Listen: (1) die hundert besten Bücher der Belletristik, (2) die hundert besten Sachbücher.

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1940 veröffentlichte Mortimer Jerome Adler den Bestseller „How to Read a Book“ („Wie man ein Buch liest“, Übersetzung und Bearbeitung: Fritz Güttinger, Amstutz & Herdeg, Zürich und Leipzig 1941, 393 Seiten). Zusammen mit Charles Van Doren überarbeitete er das Buch für eine Neuausgabe, die 1972 erschien.

Außer dem Konzept der vier „Lesestufen“ bietet „Wie man ein Buch liest“ wenig Originelles oder Erhellendes. Mortimer J. Adler und Charles van Doren fokussieren auf die Lektüre von Sachbüchern und geben selbst zu, dass ihre Leseregeln für Belletristik ungeeignet sind:

Man muss sich merken, dass die 15 Leseregeln […] nicht für die Lektüre von Romanen und Gedichten geeignet sind. Ein Überblick über den Aufbau eines literarischen Werks ist etwas ganz anderes als ein Überblick über den eines belehrenden Buchs. Roman, Schauspiel und Gedicht bauen nicht auf Begriffen, Behauptungen und Argumenten auf. Mit anderen Worten, ihr Inhalt ist nicht logisch geordnet und ihrer kritischen Beurteilung liegen andere Prämissen zugrunde. (Seite 209)

Zwar gehen Sie in zwei eigenen Abschnitten auf Belletristik ein, aber die von ihnen aufgestellten acht speziellen Leseregeln sind doch recht trivial. Themen wie Stil und Sprachniveau bleiben völlig ausgeklammert.

Der amerikanische Philosoph und Schriftsteller Mortimer Adler (1902 – 2001) gab die vierundfünfzigbändige Reihe „Great Books of the Western World“ heraus und fungierte bei der Encyclopaedia Britannica als Planungsdirektor. Charles Lincoln Van Doren (* 1926), der Sohn des Pulitzer-Preisträgers Mark Van Doren und der Schriftstellerin Dorothy Van Doren, war einer der Herausgeber der Encyclopaedia Britannica.

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