Abe Sada


Abe Sada wurde am 28. Mai 1905 im Tokioter Stadtteil Kanda geboren. Die Eltern Abe Shigeyoshi und Katsu stellten Reisstroh-Matten (Tatami) her. Von den acht Kindern starben vier, bevor sie erwachsen wurden. Sada, das zweitjüngste Kind, überlebte.

Die Mutter hielt Sada dazu an, Gesangsunterricht zu nehmen und das Lautenspiel (Shamisen) zu erlernen. Das waren Fertigkeiten, die eine Geisha beherrschen musste. Als Fünfzehnjährige wurde Sada vergewaltigt. Zwei Jahre später, 1922, verkauften die Eltern sie an ein Geisha-Haus in Yokohama. Um eine Geisha im traditionellen Sinne zu werden, reichte Sadas Ausbildung nicht. Ihre Aufgabe war deshalb die Prostitution.

Als im Januar 1933 ihre Mutter starb, kehrte Abe Sada nach Tokio zurück. Ein Jahr später wurde ihr Vater schwer krank. Sada pflegte ihn zehn Tage bis zu seinem Tod. Das Geld für den Lebensunterhalt verdiente sie weiterhin als Prostituierte.

Bei einer Razzia im Oktober 1934 wurde Abe Sada wegen illegaler Prostitution festgenommen. Aber Kasahara Kinnosuke, ein einflussreicher Freund des

Bordellbesitzers, erreichte ihre baldige Freilassung. Sie wurde die Geliebte des verheirateten Japaners, der ihr ein eigenes Haus zur Verfügung stellte. Später behauptete er als Zeuge, Sada habe bis zu viermal pro Nacht Sex verlangt. „Anfangs war es großartig, aber nach ein paar Wochen war ich erschöpft.“ Sie forderte ihn auf, seine Frau zu verlassen und nur noch mit ihr zusammenzuleben. Aber das wollte Kasahara Kinnosuke nicht, und er beendete die Affäre nach einigen Monaten.

Abe Sada zog nach Nagoya und fing dort als Kellnerin zu arbeiten an. Dabei lernte sie den Bankier Omiya Goro kennen, aber Beziehungen zwischen Angestellten und Gästen des Restaurants waren verboten. Im Juni 1935 kehrte Abe Sada wieder nach Tokio zurück und traf sich dort weiter mit Omiya Goro. Als ihr Geliebter erfuhr, dass sie sich in den Zwanzigerjahren mit Syphilis infiziert hatte, bezahlte er ihr eine entsprechende Kur. Von November 1935 bis Januar 1936 hielt Abe Sada sich in dem wegen heißer Quellen berühmten Kurort Kusatsu in der Präfektur Gunma auf.

In der Absicht, später mit finanzieller Unterstützung von Omiya Goro ein eigenes Restaurant zu eröffnen, fing Abe Sada am 1. Februar 1936 eine Ausbildung in einem Restaurant an, das Ishida Kichizo und dessen Ehefrau im Tokioter Stadtteil Nakano führten.

Sie fiel Ishida Kichizo auf. Der Zweiundvierzigjährige begehrte sie und überredete sie, mit ihm am 23. April 1936 ein Zimmer in einem Love Hotel im Stadtviertel Shibuya zu nehmen. Sie blieben vier Tage in dem Stundenhotel. Dann zogen sie in ein anderes. Erst am 8. Mai kehrte Ishida Kichizo zu seiner Frau und in sein Restaurant zurück.

Am 9. Mai ging Abe Sada ins Theater und sah, wie eine Geisha ihren Geliebten mit einem Messer attackierte. Zwei Tage später kaufte sie sich ein Küchenmesser.

Damit bedrohte sie Ishida Kichizo beim nächsten Treffen. Sie nahmen sich erneut ein Zimmer in einem Love Hotel. Dort liebten sie sich tagelang. Schließlich strangulierte Abe Sada den Restaurantbesitzer beim Liebesspiel mit dem Gürtel ihres Kimono (Obi). Um die Prozedur mehrmals auszuhalten, nahm er ein Beruhigungsmittel und verlor teilweise das Bewusstsein, aber Sada machte weiter. Später behauptete sie, er habe sie zuletzt aufgefordert, die Strangulierung nicht mehr zu lockern, weil er die Schmerzen nicht mehr hätte ertragen können.

In der Nacht auf den 18. Mai 1936 erdrosselte Abe Sada ihren Liebhaber. Nach dem Orgasmus legte sie sich neben ihn. Dann schnitt sie den Penis und die Hoden mit dem Küchenmesser ab, wickelte die Genitalien in Zeitungspapier und packte sie in ihre Handtasche. Mit einem in Ishidas Blut getauchten Finger schrieb sie: „Sada Ishida Kichi zusammen“. Außerdem ritzte sie ihren Namen in seinen linken Arm.

Als sie am Morgen das Love Hotel verließ, bat sie das Personal, ihren angeblich noch schlafenden Begleiter nicht zu stören.

Noch am selben Tag traf sie sich mit Omiya Goro und bat ihn um Verzeihung. Der ehrgeizige Bankier, der ein politisches Mandat anstrebte, ging davon aus, dass sie es bedauerte, ihn mit einem anderen Mann betrogen zu haben. Vermutlich antizipierte Abe Sada jedoch den Skandal, der seine Karriere ruinierte.

Am 20. Mai schrieb ihm Abe Sada einen Abschiedsbrief und kündigte ihren Suizid an. Am Nachmittag wurde sie in einem Gasthaus verhaftet.

Die Pressemeldungen über den Sex-Skandal lösten in mehreren japanischen Städten Massenpaniken und Verkehrsstörungen aus.

Am 25. November 1936, dem Tag, an dem der Prozess gegen Abe Sada begann, bildeten sich ab 5 Uhr morgens lange Schlangen vor dem Gerichtsgebäude. Das Besondere an diesem Fall war, dass Abe Sada ihren Liebhaber nicht aus Eifersucht oder in Wut getötet und kastriert hatte, sondern aus sexueller Besessenheit. Wegen Mordes und Leichenschändung wurde Abe Sada am 21. Dezember zu sechs Jahren Haft verurteilt. Man brachte sie nach Tochigi ins Frauengefängnis.

Am 17. Mai 1941 wurde sie vorzeitig freigelassen.

Unter falschem Namen wurde sie die Geliebte eines Mannes, den sie in ihren Memoiren nur mit „Y“ bezeichnet. Aber als er erfuhr, wer sie wirklich war, trennte er sich von ihr.

Anfangs hatte man sich über die alle Tabus und Schranken brechende Sexualität einer Frau ereifert, aber im Lauf der Zeit wurde Abe Sada zu einer Vorkämpferin für die nicht nur sexuelle Freiheit. Mehrere Schriftsteller griffen das Thema auf. Als Bestseller erwies sich „O-Sada iro zange“ (1947, Sadas erotisches Geständnis) von Kimura Ichiro. Abe Sada verklagte allerdings den Autor wegen übler Nachrede – und veröffentlichte 1948 eine Autobiografie: „Abe Sada shuki“ (Aufzeichnungen von Abe Sada).

Von 1952 bis 1970 arbeitete Abe Sada als Kellnerin in einer Arbeiterkneipe im Zentrum von Tokio. Dann verschwand sie aus der Öffentlichkeit. Nagisa Oshima sah sie angeblich Mitte der Siebzigerjahre noch einmal in einem Kloster in Kansai, aber über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt.

Die Geschichte von Abe Sada und Ishida Kichizo wurde mehrmals verfilmt. Am bekanntesten wurde „Im Reich der Sinne“ von Nagisa Oshima.

Weitere Filme über Abe Sada:

Die Geschichte der Abe Sada – Originaltitel: Jitsuroku Abe Sada – Regie: Noboru Tanaka – Drehbuch: Akio Ido – Kamera: Masaru Mori – Schnitt: Shinji Yamada – Musik: Kôichi Sakata – Darsteller: Junko Miyashita, Eimei Esumi u.a. – 1975; 75 Minuten

Originaltitel: Sada – Regie: Nobuhiko Ôbayashi – Drehbuch: Yûko Nishizawa – Kamera: Noritaka Sakamoto – Schnitt: Nobuhiko Ôbayashi – Musik: Sotaro Manabu – Darsteller: Hitomi Kuroki (als Abe Sada), Tsurutarô Kataoka, Norihei Miki, Kippei Shiina, Toshie Negishi, Bengaru, Renji Ishibashi, Kyûsaku Shimada u.a. – 1998; 130 Minuten

© Dieter Wunderlich 2010

Nagisa Oshima: Im Reich der Sinne

Julien Green - Fremdling auf Erden
Die Schauergeschichten, die den Leser am Schluss ins Leere laufen lassen, sind deshalb so spannend, weil die Handlung aus der subjektiven Wahrnehmung der Personen erzählt wird und keine eindeutige Auflösung möglich ist: "Fremdling auf Erden".
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