Denis Villeneuve: Enemy
mit Jake Gyllenhaal u. a.
      Kritik:
"Enemy", die Verfilmung des Romans "Der Doppelgänger" von José Saramago durch Denis Villeneuve, ist ein kafkaesker Film über Identitätskrisen, Ängste und Selbstzweifel, der sich jeder eindeutigen Interpretation entzieht. Kritik, Filmkritik, Rezension, Filmbesprechung
 

Enemy

 
  Inhalt:
Als der gelangweilte Geschichtsdozent Adam Bell in einem Film einen Doppelgänger entdeckt, erwacht er aus seiner Lethargie und stellt Nachforschungen an, bis er den bürgerlichen Namen und die Adresse des Schauspielers Daniel Saint Claire herausfindet. Als er ihn anruft, hebt Anthonys schwangere Ehefrau ab und glaubt, es sei ihr Mann, denn auch die Stimmen der Doppelgänger gleichen sich. Schließlich verabreden sich Adam und Anthony. Ihre Verwechselbarkeit macht ihnen Angst  ... Handlung, Inhalt, Inhaltsangabe, Zusammenfassung

Enemy – Originaltitel: Enemy – Regie: Denis Villeneuve – Drehbuch: Javier Gullón, nach dem Roman "Der Doppelgänger" von José Saramago – Kamera: Nicolas Bolduc – Schnitt: Matthew Hannam – Musik: Daniel Bensi, Saunder Jurriaans – Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Isabella Rossellini, Sarah Gadon, Joshua Peace, Tim Post, Kedar Brown, Darryl Dinn u.a. – 2013; 90 Minuten

   


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Denis Villeneuve: Enemy

Inhaltsangabe:

In einem Dark Room bewegen sich drei nackte Frauen lasziv vor ein paar männlichen Zuschauern, und eine Vogelspinne kommt zum Vorschein.

Der Historiker Adam Bell (Jake Gyllenhaal) lehrt an einer Universität in einer Großstadt. Lustlos wiederholt er Vorlesungen. Hegel sei der Meinung gewesen, dass sich alle großen weltgeschichtlichen Ereignisse zweimal ereignen würden, erklärt er, und Karl Marx habe hinzugefügt: einmal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Das 08/15-Apartment in einem Hochhaus, das Adam Bell bewohnt, ist unpersönlich eingerichtet. Abends kommt seine Freundin Mary (Mélanie Laurent) vorbei und geht mit ihm ins Bett, ohne viel zu reden. Am nächsten Morgen geht der Trott von vorne los.

Ein Kollege (Joshua Peace) empfiehlt ihm den Film "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg". Aus Langeweile leiht Adam Bell sich die DVD aus. An diesem Abend tut er gegenüber Mary so, als müsse er noch Arbeiten seiner Studenten korrigieren. Stattdessen schaut er sich den Film auf dem Laptop an.

Nachts wacht er auf. Im Traum sah er gerade eine Szene aus dem Film, und es fiel ihm auf, dass ein Nebendarsteller genauso aussieht wie er. Im Nachspann sucht er die Namen in Frage kommender Schauspieler heraus und googelt deren Fotos, Bücher von Dieter Wunderlich bis er auf Daniel Saint Claire (Jake Gyllenhaal) stößt. Er leiht sich weitere Filme aus, in denen dieser zu sehen ist und fährt schließlich zur Agentur des Schauspielers. Dort hält ihn der Pförtner für Daniel Saint Claire und händigt ihm ein an diesen adressiertes Kuvert aus. Adam Bell erfährt, dass es sich bei Daniel Saint Claire um ein Pseudonym handelt. Mit bürgerlichem Namen heißt der Schauspieler Anthony Claire. Nachdem Adam Bell auch die Adresse und die Telefonnummer herausgefunden hat, ruft er von einer Telefonzelle aus an.

Helen Claire (Sarah Gadon) hält ihn zunächst für ihren Ehemann, denn auch die Stimmen der beiden Doppelgänger gleichen sich. Sie ist irritiert, als der Anrufer sie darüber aufklärt, dass er nicht Anthony sei und hält das Ganze für einen dummen Scherz. Bei Adam Bells nächstem Versuch hebt Anthony Claire selbst ab. Er fühlt sich von dem vermeintlichen Stalker bedroht, aber nun entwickelt der Historiker eine lang nicht mehr gekannte Tatkraft und lässt sich nicht einfach abweisen.

Helen, die im sechsten Monat schwanger ist, argwöhnt nach einem weiteren Telefongespräch ihres Mannes mit Adam Bell, dass es sich bei dem Anrufer um den eifersüchtigen Ehemann einer Frau handelt, mit der Anthony sie betrügt. Seinen Beteuerungen glaubt sie nicht. Stattdessen schaut sie auf seinem Handy nach der Telefonnummer des Anrufers, findet heraus, dass es sich um einen Universitäts-Dozenten handelt und setzt sich am Campus auf eine Anlagenbank. Zufällig ruht Adam Bell sich in einer kurzen Pause auf der benachbarten Bank aus. Ohne zu ahnen, dass es sich um die Ehefrau des Schauspielers handelt, wechselt er ein paar Worte mit ihr.

Adam Bell und Anthony Claire verabreden sich in einem Hotelzimmer. Beide erschrecken über ihre Verwechselbarkeit und empfinden sie als existenzielle Bedrohung. Adam wirft Anthony rasch noch den ungeöffneten Brief hin, den er in der Agentur bekam und verlässt überstürzt das Hotel.

In der Annahme, dass es sich bei dem Doppelgänger um einen ihm bisher unbekannten Zwillingsbruder handeln könnte, besucht er seine Mutter (Isabella Rossellini), die ihm jedoch versichert, dass er ihr einziges Kind ist.

Während der verklemmte Historiker lieber nichts mehr mit seinem Doppelgänger zu tun haben würde, will der selbstsichere Schauspieler sich auch in dieser ungewöhnlichen Situation beweisen. Als Motorradfahrer mit Helm beschattet er Adam. Nachdem er dessen attraktive Freundin Mary gesehen hat, folgt er ihr unbemerkt bis zu dem Büro, in dem sie arbeitet.

Zu Hause übt er vor dem Spiegel, wie er Adam barsch fragt: "Hast du meine Frau gefickt?" Genau diese Frage stellt er ihm dann, als er ihn aufsucht. Zuvor schon hat er sich abfällig über die Tristesse des Apartments geäußert. Damit verstärkt er Adams Verunsicherung. Und die nutzt Anthony, um seinen Doppelgänger zu einem vorübergehenden Rollentausch zu überreden. Er verspricht, aus Adams Leben zu verschwinden, wenn dieser ihm seine Kleidung und das Auto zur Verfügung stelle, damit Anthony an seiner Stelle übers Wochenende mit Mary wegfahren kann.

Als Anthony fort ist, geht Adam zu dessen Adresse. Vom Portier (Tim Post) wird er für Anthony gehalten, und als er behauptet, seine Schlüssel vergessen zu haben, bietet der Mann ihm an, die Wohnungstüre mit dem Universalschlüssel zu öffnen. Im Lift spricht der Pförtner den vermeintlichen Schauspieler auf einen Dark Room an, in dem sie offenbar zusammen waren. Aber das Schloss sei ausgewechselt, klagt er, sein Schlüssel passe nicht mehr, und er stehe auch nicht auf der Liste. Adam weiß nicht, was der Portier meint und zieht sich mit Floskeln aus der Affäre.

In der Luxuswohnung des Schauspielers sieht er sich um, wechselt dann die Kleidung und wartet auf Helen. Obwohl er genauso aussieht und spricht wie ihr Mann, erkennt sie an seinen hängenden Schultern und seinem zaghaften Verhalten, dass es der Doppelgänger ist. Als er mitten in der Nacht schluchzend auf einem Sofa sitzt, geht sie zu ihm, nimmt zärtlich sein Gesicht in die Hände und setzt sich so auf seinen Schoß, dass er in sie eindringen kann.

Mary fällt erst beim Geschlechtsverkehr auf, dass sie nicht mit Adam zusammen ist, denn am Ringfinger des Mannes sieht sie deutlich die Spuren eines abgenommenen Eherings. Erschrocken springt sie aus dem Bett. Sie fahren zurück. Unterwegs geraten sie in einen heftigen Streit, der in Handgreiflichkeiten eskaliert. Dadurch verliert Anthony die Kontrolle über den Wagen. Sie überschlagen sich und kommen beide ums Leben.

Am nächsten Morgen duscht Helen, während Adam sich wie Anthony anzieht. In dem Jackett, das er aus dem Schrank nimmt, findet er das Kuvert, das er in der Agentur bekam und beim ersten Treffen Anthony gab. Er reißt es auf. Es enthält einen Schlüssel, der vermutlich zum neuen Schloss des Dark Rooms passt.

Als er Helen dann in ein anderes Zimmer folgt, trifft er auf eine Vogelspinne, die den ganzen Raum ausfüllt.

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Filmkritik:

Javier Gullón (Drehbuch) und Denis Villeneuve (Regie) adaptierten den Roman "Der Doppelgänger" von José Saramago unter dem Titel "Enemy" fürs Kino, ohne sich eins zu eins an die literarische Vorlage zu halten.

Aus Maria und Helena sind Mary und Helen geworden, aus Tertuliano Máximo Afonso und António Claro bzw. Daniel Santa-Clara Adam Bell und Anthony Claire bzw. Daniel Saint Claire. Tiefgreifender sind inhaltliche Abweichungen und Akzentverschiebungen. Bei José Saramago geht es um die Frage, welcher der beiden Doppelgänger das Original und welcher die Kopie ist. Außerdem reflektiert der Schriftsteller immer wieder über seine Erzählweise (beispielsweise die Langatmigkeit) und dekonstruiert dadurch die Fiktion. Beides fehlt in "Enemy". Denis Villeneuve interessiert sich stattdessen für die Ängste und Selbstzweifel, die durch die Entdeckung des Doppelgängers ausgelöst werden und die Frage, wie die Betroffenen darauf reagieren. Allerdings versucht er nicht, etwas psychologisch zu erklären.

Stärker als José Saramago arbeitet Denis Villeneuve die Gegensätzlichkeit sowohl der beiden Männer als auch der beiden Frauen heraus.

Neu im Film ist die Spinne, die wie ein Leitmotiv nicht nur am Anfang und am Ende, sondern auch zwischendurch auftaucht: in einem Dark Room, in einem Traum Adams, als Phantasmagorie über der Skyline einer Großstadt, in einem Zimmer der Wohnung von Helen und Anthony. Möglicherweise symbolisiert die giftige Spinne, dass Adam weibliche Nähe als Bedrohung empfindet. Die Riesenspinne über der Stadt ähnelt der 1999 von Louise Bourgeois (1911 – 2010) geschaffenen, zehn Meter hohen Skulptur "Maman". Und das widerspricht der Interpretation als Bedrohung, denn die französisch-amerikanische Bildhauerin hielt Spinnen für hilfreich und sah in ihrem Kunstwerk eine Hommage an ihre Mutter, die Tapisserien restauriert hatte. Sicherer als die Meinungen über die Bedeutung der Spinne in "Enemy" ist die Deutung der unwohnlichen Glas- und Sichtbetonbauten in der Großstadt als Spiegelung der Unbehaustheit des/der Protagonisten.

Wie in der Romanvorlage auch, bleibt die Stadt in "Enemy" anonym. Man erkennt zwar Toronto, aber die Skyline wurde durch Matte Paintings verändert, und der Ort bleibt austauschbar wie bei José Saramago. Eine zeitliche Einordnung wird ebenfalls vermieden.

Der Schauspieler entdeckt nicht nur in dem Historiker einen Doppelgänger, sondern spaltet sich auch selbst auf in den bürgerlichen Anthony und den Mimen Daniel. Aber existieren wirklich beide, Adam und Anthony/Daniel? Oder ist einer von ihnen nur in der Vorstellung des anderen vorhanden? Das Rätsel bleibt ungelöst. "Enemy" entzieht sich jeder eindeutigen Erklärung, und für alles gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten wie in Filmen von David Lynch. Nicht nur das Vexierspiel, sondern auch das Surreale, Albtraumhafte erinnert beispielsweise an "Mulholland Drive" oder "Lost Highway". Durch Spinnen, Betonbauten, einen düsteren Farbstich und eine monotone Musikuntermalung wird eine beklemmende Atmosphäre evoziert. In Verbindung mit der existenziellen Verunsicherung der Protagonisten wirkt das kafkaesk.

Nachdem der kanadische Produzent Niv Fichman den Roman "Die Stadt der Blinden" von José Saramago produziert hatte ("Die Stadt der Blinden", Regie: Fernando Meirelles), erwarb er auch die Filmrechte an "Der Doppelgänger". Jake Gyllenhaal übernahm die Doppelrolle in "Enemy". Die Dreharbeiten fanden von Mai bis Juli 2012 in Toronto (u. a.: Scarborough Campus der University of Toronto) und Mississauga statt.

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

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José Saramago: Der Doppelgänger

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