Val McDermid: Das Moor des Vergessens
(Roman)
      Kritik:
Den Kriminalroman "Das Moor des Vergessens" hat Val McDermid komplex angelegt. Sie lässt sich Zeit, die Figuren der drei Handlungsstränge einzuführen und fesselt die Leser weniger mit Action, als mit Suspense und Atmosphäre. Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik, Kritik
 

Val McDermid: Das Moor des Vergessens

 
  Inhalt:
Als im Lake District eine Moorleiche gefunden wird, glaubt die Literaturwissenschaftlerin Jane Gresham, es könne sich um die sterblichen Überreste von Fletcher Christian handeln, des Anführers der Meuterei auf der Bounty. Schon lange vermutet sie, dass William Wordsworth über dessen abenteuerliches Leben ein Gedicht schrieb, das jedoch nie veröffentlicht wurde. Außer ihr sucht offenbar noch jemand nach dem alten Manuskript – und geht dabei über Leichen ... Inhalt, Inhaltsangabe, Zusammenfassung, Handlung


Originalausgabe: The Grave Tattoo
HarperCollins Publishers, London 2006

Das Moor des Vergessens
Übersetzung: Doris Styron
Droemer Verlag, München 2006
ISBN: 978-3-426-19735-6, 539 Seiten, 19.90 € (D)
Knaur Taschenbuch Verlag, München 2008
ISBN: 978-3-426-63515-5, 539 Seiten, 8.95 € (D)

   


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Val McDermid: Das Moor des Vergessens

Inhaltsangabe:

Nach der von ihm angeführten Meuterei auf der Bounty am 28. April 1789 segelt der Wachoffizier Fletcher Christian mit dem Rest der Besatzung zur Insel Toobouai, 350 Meilen südlich von Tahiti. Dort gehen sie am 24. Mai an Land. Zur Meuterei war es gekommen, weil William Bligh, der tyrannische Kapitän der Bounty, seinen Schützling Fletcher Christian in blindwütiger Eifersucht beschuldigt hatte, während des Aufenthalts auf Tahiti Sex mit dem jungen Offizier Peter Heywood gehabt zu haben. Der Vorwurf des Kapitäns, Fletcher Christian habe Kokusnüsse gestohlen, lieferte dann nur noch den letzten Auslöser.

Mit den Lebensbedingungen auf Toobouai sind die Männer so unzufrieden, dass Fletcher Christian noch einmal kurz mit ihnen nach Tahiti zurückkehrt. Am 6. Juni ankert die Bounty erneut in der Matavai-Bucht. Dem überraschten Häuptling Teina erzählt Fletcher Christian die Lüge, James Cook sei mit William Bligh dabei, eine neue Siedlung in der Südsee zu gründen, und er habe den Auftrag, Frauen, Hilfskräfte und Vieh zu holen. Eine der neun tahitianischen Frauen, die mit an Bord kommen, ist Mauatua, Fletcher Christians Gefährtin während des zurückliegenden Aufenthalts auf Tahiti. Er nennt sie Isabella, nach seiner Cousine Isabella Curwen.

Auf Toobouai kommt es jedoch bald zu neuen Streitigkeiten zwischen den Europäern. Außerdem werden sie von der indigenen Bevölkerung bekämpft. Sie müssen die Insel endgültig verlassen.

Am 22. Juni 1789 ankert die Bounty zum dritten Mal in der Matavai-Bucht von Tahiti. Fletcher Christian will nicht auf Tahiti bleiben, denn die Insel wird von beinahe jedem Schiff angesteuert, das in der Südsee unterwegs ist, und auf Meuterei steht die Todesstrafe. Am 23. September sticht er deshalb mit Edward Young, John Adams, John Williams, William McKoy, Isaac Martin, Matthew Quintal, John Mills und William Brown sowie einigen tahitianischen Frauen und Hilfskräften wieder in See, während Peter Heywood und fünfzehn weitere Mitglieder der Besatzung zurückbleiben.

Flechter Christian steuert Pitcairn an. Dort, so hoffen die Meuterer, wird niemand sie finden, und damit das Segelschiff sie nicht verrät, verbrennen sie die Bounty am 23. Januar 1790. Nur das Beiboot und die Jolle behalten sie.

Jedem der neun Weißen wird eine Tahitianerin zugeteilt. Die restlichen drei Frauen, die mit nach Pitcairn gekommen sind, stehen den sechs Tahitianern zur Verfügung, die Fletcher Christian als Hilfskräfte mitnahm.

Als John Williams Frau stirbt, beansprucht er Ersatz, und darüber kommt es zum Streit.

Im September 1793 kündigt einer der Tahitianer an, er werde ein Wildschwein erlegen und leiht sich ein Gewehr. Das ist nichts Ungewöhnliches, und als Fletcher Christian einen Schuss hört, nimmt er an, die Jagd sei erfolgreich gewesen. Doch dann wird er selbst von einer Kugel in den Rücken getroffen: Die Tahitianer haben sich gegen die Europäer erhoben und versuchen, sie alle zu töten.

Weil sie Fletcher Christian für tot halten, lassen sie ihn liegen. Isabella hilft ihm, sich im nahen Wald zu verstecken. Sobald die Schussverletzungen halbwegs verheilt ist, will er Pitcairn mit der Jolle verlassen. Seine schwangere Gefährtin zieht es vor, auf der Insel zu bleiben.

Fletcher Christian nimmt Kurs auf die über 5000 Kilometer entfernte Westküste Südamerikas und folgt schließlich einem Walfänger nach Valparaíso. Dort heuert er um 1799 auf einem Handelsschiff an. Von Savannah, Georgia, schickt er seinem Bruder Edward in England einen Brief. Der Antwort des Juraprofessors in Cambridge entnimmt er, dass es Kapitän William Bligh gelang, nach England zurückzukehren und seine Version der Geschichte in einem Reisebericht zu veröffentlichen. Die Meuterer müssen dagegen mit der Todesstrafe rechnen, wenn sie aufgegriffen werden.

Trotz des Risikos zieht es Fletcher Christian in die Heimat zurück. Nach fünf Jahren in Savannah heuert er auf einem Schiff nach Bristol an. In Bath trifft er sich heimlich mit seinem Bruder Edward, der ihm Papiere auf den Namen John Wilson verschafft. Fortan schlägt Fletcher Christian sich als Schmuggler durch.

– – –

Jede Landschaft hat ihr Geheimnis. Schicht für Schicht ist die Vergangenheit unter der Oberfläche verborgen. Nur selten ist ihr Geheimnis unwiederbringlich verloren, es wartet nur darauf, dass durch menschliche Eingriffe oder die Unbilden des Wetters in der Gegenwart ihr Skelett unter Haut und Fleisch zum Vorschein kommt. Die Vergangenheit bleibt uns immer erhalten, genau wie die Armut. (Seite 11)

Im September 2005 wird in den uralten Torfbänken bei Carts Moss, einem Sumpfgebiet am Langmere Fell im Lake District, eine Moorleiche gefunden. Sie wird in Gibsons Bestattungsunternehmen in Keswick gebracht, wo die forensische Anthropologin Dr. River Wilde von der University of Northern England mit eingehenden Untersuchungen beginnt.

Dr. Jane Gresham, die aus der Gegend stammt, aber inzwischen in einer Sozialwohnung in der Marshpool Farm-Siedlung in London lebt und ihr spärliches Gehalt als Literaturwissenschaftlerin an der Queen Mary University London durch einen Aushilfsjob als Kellnerin in der Viking Bar von Harry Lambton aufbessert, hört davon in den Nachrichten. Als der Fünfundzwanzigjährigen, die gerade von ihrem Freund Jake Hartnell verlassen wurde, auffällt, dass der Tote schwarze Tätowierungen aufweist, wie sie vor zweihundert Jahren in der Südsee üblich waren, hofft sie auf einen wissenschaftlichen Durchbruch. Sie vermutet nämlich, dass Fletcher Christian, der aus Moorland Close bei Cockermouth stammende Wachoffizier, der die Meuterei auf der Bounty angezettelt hatte, um 1804 heimlich nach England zurückkam und seinem früheren Schulfreund, dem Dichter William Wordsworth, seine abenteuerliche Geschichte erzählte. Jane glaubt, dass William Wordsworth diesen Bericht in einem langen Gedicht verarbeitete, das jedoch geheim gehalten werden musste, denn der Meuterer wäre zum Tod verurteilt worden, wenn man ihn aufgespürt hätte.

Immerhin deutet ein vor einem Jahr von Jane im Jerwood-Centre der Wordsworth-Stiftung entdeckter Brief Mary Wordsworths darauf hin, dass es im Nachlass ihres verstorbenen Mannes ein Schriftstück gab, von dem die Witwe annahm, dass es geheim bleiben müsse. Mary Wordsworth schickte es offenbar ihrem ältesten Sohn John und überließ ihm die Entscheidung darüber, was mit dem Papier geschehen sollte. John Wordsworth war übrigens in erster Ehe mit Isabella Curwen verheiratet, einer Verwandten von Fletcher Christian. Der Fund der Moorleiche spornt Jane an, ihrer Hypothese weiter nachzugehen, und sie überredet die Institutsleiterin Maggie Elliot, sie dafür zweieinhalb Wochen lang freizustellen. Sie träumt davon, das geheim gehaltene Gedicht zu finden.

Bevor sie in den Lake District reist, kümmert sie sich noch um Tenille Cole, eine dreizehnjährige Schwarze aus der Nachbarschaft, die zwar fortwährend die Schule schwänzt, sich aber gern von Jane Gedichte interpretieren lässt und sich für Literatur begeistert. Seit sieben Jahren übt Sharon Cole, die Schwester von Tenilles an einer Überdosis Drogen gestorbenen Mutter, widerwillig das Sorgerecht für die Halbwaise aus. Nachdem Sharons neuer Lebensgefährte Geno Marley das Mädchen zu Fellatio zwingen wollte, sucht Tenille bei Jane Zuflucht. Dass es sich bei Tenilles leiblichen Vater um John Hampton ("der Hammer") handelt, den Boss der Unterwelt in der Marshpool Farm-Siedlung, ist ein offenes Geheimnis. Mutig sucht Jane ihn auf, und er verspricht, sich um die Angelegenheit zu kümmern.

Am Bahnhof in Oxenholme wird Jane von ihrem Vater Allan Gresham abgeholt und zur Farm der Familie in Fellhead gebracht, wo ihre Mutter Judy bereits auf sie wartet und kurz darauf auch ihr älterer Bruder Matthew auftaucht. Das Verhältnis der Geschwister ist gespannt, nicht zuletzt, weil Jane es geschafft hat, die Provinz zu verlassen, während Matthew Schulleiter der heimatlichen Dorfschule geworden ist.

In Grasmere trifft sich Jane mit Anthony Catto, dem Direktor des in William Wordsworths Wohnhaus Dove Cottage eingerichteten Museums. Als sie dort ein halbes Dutzend Archivkartons mit noch nicht katalogisiertem Material durchforstet, stößt sie auf einen nach William Wordsworths Tod von dessen ältestem Sohn John verfassten Brief, aus dem hervorgeht, dass er der Magd Dorcas Mason ein geheim gehaltenes Schriftstück des Verstorbenen zur Vernichtung übergab. Jane vermutet, dass es sich um das Papier handelte, das John von seiner Mutter Mary bekommen hatte. Könnte es sein, dass Dorcas Mason das Dokument aufbewahrte, statt es zu verbrennen? Jane hofft, es bei einem der Nachkommen der Magd zu finden und geht davon aus, dass es sich um das gesuchte Gedicht handelt.

Mit Hilfe der Hobby-Genealogin Barbara Field findet Jane heraus, dass Dorcas Mason 1831 in Cockermouth geboren wurde. Von 1847 bis 1851 arbeitete sie für die Familie Wordsworth. Dann heiratete sie in Yorkshire einen Mann namens Arnold Clewlow und gebar drei Kinder: Arthur (1854 – 1912), William (1858 – 1927) und May (1859 – 1899). Nach Arnolds frühem Tod kehrte sie in ihren Geburtsort zurück und starb dort 1887.

Als Tenille sich erstmals wieder nach Hause wagt, kommt ihr im Treppenhaus ihr Vater entgegen. Er rät ihr davon ab, nach oben zu gehen, kümmert sich aber nicht weiter um sie. In der Wohnung stößt Tenille auf Geno Marleys Leiche. Offenbar erschoss John Hampton ihn soeben mit einer abgesägten Schrotflinte. In der Aufregung fasst Tenille die Waffe an. Als ihr bewusst wird, dass sie darauf Fingerabdrücke hinterlassen hat, setzt sie die Wohnung in Brand, um ihre Spuren und die ihres Vaters zu vernichten.

Detective Inspector Donna Blair von der Metropolitan Police in London leitet die Ermittlungen in dem Mordfall. Weil ein Fingerabdruck auf dem Gewehrlauf, der trotz des Feuers sichergestellt werden konnte, mit vielen Abdrücken in Tenilles Zimmer übereinstimmt und das Mädchen verschwunden ist, fällt der Verdacht auf die Dreizehnjährige. Die verbirgt sich inzwischen in Janes Wohnung, zu der sie einen Schlüssel hat. Die Nachbarin Noreen Callagher verhilft Tenille zur Flucht. Mit gekürztem Haar und in der gestohlenen Kleidung eines Jungen schlägt Tenille sich zum Lake District durch. Jane versteckt sie im ehemaligen, inzwischen zum Ferienhaus umgebauten Schlachthaus der Farm.

Jake Hartnell verließ Jane wegen einer gut zehn Jahre älteren Frau, mit der er inzwischen auf Kreta lebt: Caroline Kerr handelt mit antiken Dokumenten. Als sie von ihrem Liebhaber erfährt, dass Jane nach einem verschollenen Gedicht von William Wordsworth sucht, wittert sie ein lukratives Geschäft und bringt Jake dazu, nach England zurückzufliegen. Er soll sich erneut an die Literaturwissenschaftlerin heranmachen und das wertvolle Dokument beschaffen.

In London erfährt Jake, dass Jane für ein Forschungsprojekt freigestellt ist und sich im Lake District aufhält. Kurzerhand reist er ihr nach. Jane ist zwar versucht, es noch einmal mit ihm zu versuchen, misstraut ihm jedoch und findet bald ihren Verdacht bestätigt, dass er es auf das Schriftstück abgesehen hat. Es bleibt Jake nichts anderes übrig, als Jane zu beobachten und selbst Erkundigungen einzuholen.

Fast gleichzeitig trifft Janes Kollege Dan Seabourne im Lake District ein. Der Wissenschaftler, der über die linguistischen Gemeinsamkeiten der Lakeland-Romantiker promovierte, kennt Janes Hypothese und will ihr bei der Suche nach dem Manuskript helfen.

Matthew Gresham ließ seine Schüler gerade die Stammbäume ihrer Familien erforschen und aufmalen. Als Jane bei einem Besuch ihrer Schwägerin Diane und ihrem Neffen Gabriel auf den Stammbaum des Schülers Sam stößt, der über ein halbes Dutzend Generationen bis zu Dorca Mason und Arnold Clewlow zurückreicht, argwöhnt sie, dass ihr Bruder versucht, das Wordsworth-Gedicht vor ihr zu finden.

Dieser Verdacht erhärtet sich, als Jane Sams Urgroßmutter Edith Clewlow aufsucht: Matthew war bereits vor ihr da. Die dreiundsiebzigjährige Witwe weiß allerdings nichts über irgendwelche von Dorcas Mason hinterlassenen Papiere.

Am nächsten Morgen findet man sie tot vor. Der Arzt geht von Herzversagen aus.

Jane wird beinahe überfahren: Als sie den Wagen auf sich zukommen sieht, kann sie gerade noch zur Seite springen und bleibt nahezu unverletzt. Ein Betrunkener?

Detective Chief Inspector Ewan Rigston aus Keswick fährt nach einem Anruf aus London zur Farm, um nach Tenille zu fragen, aber Jane verrät ihm nicht, dass die Gesuchte da ist und verhindert, dass er im ehemaligen Schlachthaus nachschaut.

Weil John Hampton nicht im Telefonbuch steht, ruft Jane ihre Nachbarin Noreen Callagher an und bittet sie, dem Gangsterboss einen Zettel zu bringen. Er soll sich mit ihr in Verbindung setzen. Einige Zeit später telefoniert er mit Jane und sichert ihr zu, etwas zu unternehmen, um seine Tochter von dem Mordverdacht zu befreien.

Jane befragt als nächste zwei weitere Nachfahren von Dorcas Mason: die fünfundsiebzigjährige Witwe Mathilda ("Tillie") Swain und den sechs Jahre älteren Edward ("Eddie") Fairfield. Sie können ihr nicht weiterhelfen. Beide sterben wenige Stunden nach den Besuchen. Drei Tote innerhalb von drei Tagen: Das ist seltsam, aber die Ärzte, die die Totenscheine ausstellen, entdecken keine Hinweise auf Suizide oder Fremdeinwirkungen.

Bei Eddies Cousine Letitia ("Letty") Brownrigg stellt Jane fest, dass ihr Bruder erneut schneller war. Letty zeigt Jane eine Schachtel mit alten Dokumenten, die sie nach Matthews Besuch fand, aber es ist nichts für die Literaturwissenschaftlerin Interessantes dabei.

Dan Seabourne beginnt eine homosexuelle Affäre mit Jimmy Clewlow, einem fünfundzwanzigjährigen Enkel der kürzlich verstorbenen Edith Clewlow. Weil Jane und Dan hoffen, dass Jimmy ihnen bei der Suche nach dem Schriftstück von William Wordsworth helfen kann, weihen sie ihn in den Stand ihrer Nachforschungen ein, und er verspricht, sich in der Verwandtschaft umzuhören.

Jimmys fünf Jahre ältere Schwester Alice Clewlow, die Leiterin der Bibliothek in Keswick, unterstellt Jane, aus finanziellen Gründen nach einem wertvollen Dokument zu suchen und dabei über Leichen zu gehen. Sie vermutet, dass Edith Clewlow, Tillie Swain und Eddie Fairfield keines natürlichen Todes starben, hält Jane für die Mörderin und drängt Inspector Ewan Rigston, die Literaturwissenschaftlerin festzunehmen.

Als Jane am Langmere-Wasserfall sitzt, schleicht sich jemand von hinten an und schlägt ihr mit einem abgebrochenen Ast auf den Kopf. Sie stürzt ins Wasser. Ein Schafbauer, der gerade mit seinem Hund vorbeikommt, rettet sie. Jane meldet den Anschlag nicht der Polizei, denn sie weiß, dass man sie als dreifache Mörderin verdächtigt. Statt ihr zu glauben, würde Inspector Ewan Rigston annehmen, sie wolle mit einem vorgetäuschten Überfall den Verdacht von sich ablenken.

Weil Tenille Jane für zu gutmütig hält, um den alten Leuten ein Geheimnis zu entlocken, verlässt sie in mehreren Nächten ihr Versteck, dringt in die Häuser der Nachfahren von Dorcas Mason ein und sucht nach dem alten Manuskript. In Letty Brownriggs Haus außerhalb von Keswick überrascht sie einen Mann mit einer Taschenlampe, der vor dem Sekretär steht und Papier durchwühlt. Sie rennt davon und berichtet am nächsten Tag Jane von dem Erlebnis. Etwa zum gleichen Zeitpunkt wird Lettys Leiche gefunden.

Jane wendet sich an River Wilde, erzählt ihr von den vier rätselhaften Todesfällen und bittet die Forensikerin, sich Lettys Leiche anzuschauen. Am Hals der Toten fällt River Wilde ein kleines schwaches Hämatom über dem Karotissinus auf. Das gleiche Mal findet sie auch bei Edith Clewlow und Eddie Fairfield. Deshalb alarmiert sie Ewan Rigston und macht ihn darauf aufmerksam, dass der Druck eines Fingers auf den Karotissinus eine unter Umständen tödliche Brachykardie auslösen kann.

Weil davon auszugehen ist, dass auch Lettys sechs Jahre jüngere Schwester Jenny Wright gefährdet ist, bringt Jimmy sie bei Alice unter.

In dieser Nacht bricht Tenille in Jenny Wrights Haus in Coniston ein – und findet dort eine Kiste mit falschem Boden. Darunter ist ein altes Manuskript versteckt. Tenille nimmt eines der Blätter an sich, um es Jane zu zeigen und legt alles andere wieder zurück. Beim Verlassen des Hauses wird sie allerdings von der Polizei festgenommen.

Inspector Rigston weist Tenille auf den Ernst ihrer Lage hin: Die Metropolitan Police in London fahndet wegen Mordes und Brandstiftung nach ihr, und ihre Fingerabdrücke wurden auch in den Häusern von Edith Clewlow, Tillie Swain, Eddie Fairfield und Letty Brownrigg sichergestellt.

Im Morgengrauen lässt Rigston auch Jane Gresham aus ihrem Bett heraus verhaften.

Während der Vernehmung auf dem Polizeirevier sieht die Wissenschaftlern zum ersten Mal eine Seite des Berichts, in dem William Wordsworth festhielt, was Fletcher Christian ihm erzählt hatte.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Der von ihrem Vater beauftragte Rechtsanwalt Neil Terras holt sie am nächsten Tag aus dem Gefängnis.

Kurze Zeit später erhält sie einen Anruf von Detective Inspector Donna Blair aus London: Ein Mann, der bei einer Verfolgungsjagd in einem gestohlenen Auto ums Leben kam, trug Geno Marleys Brieftasche bei sich. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um Marleys Mörder handelt. Tenille muss sich zwar noch wegen der Brandstiftung verantworten, aber Donna Blair möchte dem Mädchen helfen. Zu ihrer Überraschung erfährt sie von Jane, dass Tenille in Keswick inhaftiert ist.

Nachdem Dan Seabourne von dem sensationellen Fund in Jenny Wrights Cottage erfahren hat, rät er ihr, das Manuskript nicht länger zu verstecken, denn solange man es ihr rauben könne, sei sie in Lebensgefahr. Sobald Dan fort ist, ruft Jenny Jane an und verrät ihr, wo ein Schlüssel für ihr Haus liegt und wo sie das gesuchte Manuskript finden kann.

Als Jane das Bündel Papier aus der Kiste nimmt, steht unerwartet Dan hinter ihr und fordert sie auf, es ihm zu überlassen. Sie kämpfen miteinander. Während Jane bewusstlos am Boden liegt, zündet Dan das Haus an. Gerade noch rechtzeitig kommt Jane wieder zu sich. Sie wirft sich erneut auf ihren verbrecherischen Kollegen. Der verliert das Gleichgewicht, stürzt über die Treppe hinunter und bricht sich das Genick.

Zu ihrem Entsetzen erfährt Jane von Alice Clewlow, dass Jenny nicht nur den Bericht über Fletcher Christian besaß, sondern auch das Gedicht, das William Wordsworth darüber geschrieben hatte. Es war in einem Kissen versteckt, verbrannte in dem von Dan Seabourne gelegten Feuer und ist nun unwiederbringlich verloren.

River Wilde erklärt Jane, dass der im Moor gefundene Tote an einem Schädelbruch starb und vermutlich erschlagen wurde. Die forensische Anthropologin fand einige Indizien dafür, dass es sich um die sterblichen Überreste von Fletcher Christian handeln könnte, und es gibt nichts, was dagegen spräche. Weil River Wilde nicht genügend Material von der Moorleiche für einen DNA-Vergleich gewinnen konnte, gibt es allerdings keine Gewissheit.

River schüttelte den Kopf.
"Es tut mir wirklich leid, Jane. Ich hab es einfach nicht geschafft. Ich konnte nicht genug DNA bekommen, um einen Vergleich anstellen zu können."
"Wir werden es also nie definitiv wissen?" Jane war niedergeschmettert.
River nickte. "Wir werden es nie sicher wissen." (Seite 537)

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Buchbesprechung:

Der Plot des Kriminalromans "Das Moor des Vergessens" ist originell: Val McDermid geht davon aus, dass Fletcher Christian, einer der Meuterer auf der Bounty, nicht auf Pitcairn starb, sondern heimlich nach England zurückkehrte und zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinem früheren Schulfreund, dem im Lake District lebenden Dichter William Wordsworth, seine abenteuerliche Geschichte Bücher von Dieter Wunderlich erzählte. (In Wirklichkeit war William Wordsworth sechs Jahre jünger als Fletcher Christian.) Diesen (fiktiven) Reisebericht setzt Val McDermid in "Das Moor des Vergessens" abschnittweise zwischen die Kapitel der 2005 spielenden Haupthandlung, in der es um die Suche nach dem Gedicht geht, das William Wordsworth nach Überzeugung der jungen Literaturwissenschaftlerin Dr. Jane Gresham über die Abenteuer des Meuterers Fletcher Christian verfasste, das er jedoch geheim halten musste, weil dieser sonst zum Tod verurteilt worden wäre. Jane Gresham ist offenbar nicht die einzige Person, die das wertvolle Manuskript unbedingt haben will. Und der Konkurrent oder die Konkurrentin geht über Leichen. Eingeflochten ist noch ein weiterer Handlungsstrang: Die dreizehnjährige Schwarze Tenille Cole wird vom neuem Lebensgefährten ihrer Tante sexuell bedrängt und nach dessen Ermordung von Jane Gresham versteckt, während die Polizei sie als Mörderin verdächtigt und nach ihr sucht.

Val McDermid meistert diese komplexe Komposition. Sie lässt sich Zeit, die Figuren und Handlungsstränge einzuführen, setzt weniger auf Action, als auf Suspense und Atmosphäre. Damit fesselt sie die Leser. Auch wenn nicht alle Einzelheiten in "Das Moor des Vergessens" plausibel sind, handelt es sich um eine unterhaltsame Lektüre.

Dass die Übersetzerin Doris Styron offenbar den Unterschied zwischen "das Gleiche" und "dasselbe" nicht kennt, wurde bei der Lektorierung übersehen. Aber das sei nur am Rande vermerkt.

Den Roman "Das Moor des Vergessens" von Val McDermid gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Dietmar Bär (Regie: Frank Bruder, Berlin 2006, 6 CDs, ISBN: 978-3-86610-104-3).

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Droemer Verlag

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Die Meuterei auf der Bounty

Val McDermid: Ein Ort für die Ewigkeit (Verfilmung)
Val McDermid: Nacht unter Tag



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