Daniel Glattauer: Die Wunderübung
(Komödie)
      Kritik:
"Die Wunderübung" ist eine Boule­vard­komödie, ein unterhaltsames Kammerspiel mit drei Personen. Daniel Glattauer geht es dabei nicht um die Ausleuchtung von Charakteren und Beziehungen, sondern um pointierte Dialoge mit smarter Polemik und funkelndem Wortwitz. Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik, Kritik
 

Daniel Glattauer:
Die Wunderübung

 
  Inhalt:
Joana und Valentin Dorek, ein Ehepaar um die 50, sucht einen Paartherapeuten auf. Der scheitert mit seinen Bemühungen, bei den beiden gegenseitiges Verständnis hervorzurufen. Sie haben viel Übung darin, harmlose Bemerkungen zu Beleidigungen aufzubauschen und nahezu jede Äußerung schlagfertig als Vorlage für einen neuen Angriff zu missbrauchen. Nach einer Pause wirkt der Therapeut verändert und erzählt schließlich, seine Ehefrau habe sich soeben per Mail von ihm getrennt ... Inhalt, Inhaltsangabe, Zusammenfassung, Handlung






Die Wunderübung
Deuticke Verlag, Wien 2014
ISBN 978-3-552-06239-9, 112 Seiten, 12.90 € (D)
Uraufführung: Wiener Kammerspiele,
Theater in der Josefstadt, 22. Januar 2015

   


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Daniel Glattauer: Die Wunderübung

Inhaltsangabe:

Joana und Valentin Dorek (Aglaia Szyszkowitz, Bernhard Schir) sind ein Ehepaar um die 50. Sie lernten sich vor 17 Jahren beim Tauchen in Ägypten kennen. Inzwischen haben sie eine 15-jährige Tochter und einen zwei Jahre jüngeren Sohn: Luise und Hubert. Joana Dorek ist Historikerin, ihr Mann arbeitet als technischer Direktor einer Flugzeugfabrik. Weil die beiden sich fast nur noch angiften, haben sie einen Termin mit einem Paartherapeuten vereinbart, von dem wir nur den Vornamen Harald erfahren (Jürgen Tarrach). Vom Verlauf der ersten Doppelstunde (90 Minuten) soll es abhängen, ob mit der eigentlichen Therapie begonnen werden soll oder nicht.

Nach der Begrüßung sitzen Joana und Valentin vor dem Therapeuten und warten. Ungeduldig drängt Valentin den Eheberater, endlich anzufangen, aber der hat gar nicht vor, den Doreks die Krise zu erklären, sondern fordert die beiden zu Äußerungen auf. Beispielsweise sollen sie aufzählen, was sie am jeweils anderen noch immer schätzen.

Joana, die in einiger Distanz zu ihrem Mann mit verknoteten Beinen auf dem Stuhl sitzt, glaubt immer schon vorher zu wissen, was er sagen will und lässt ihn durch einen scharfzüngigen Redeschwall gar nicht zu Wort kommen. Sie hält ihn für unsensibel und verantwortungslos, wirft ihm vor, sich weder um sie noch um die Kinder gekümmert zu haben, weil er sich nur für sich selbst interessiere. Beispielsweise habe sie allein die Strapazen bei der Erziehung des nicht ganz einfachen Sohnes auf sich nehmen müssen. Da wirft Valentin ein, für ihn sei das sogar doppelt so belastend gewesen, weil er nicht nur mit dem aufsässigen Jungen, sondern auch mit der hysterischen, überempfindlichen Frau konfrontiert gewesen sei.

Während Joana vor Energie brodelt, wirkt Valentin resigniert. Ihm fällt es schwer, Gefühle zu zeigen. Beide halten den jeweils anderen für unverbesserlich. Sie haben viel Übung darin, sich gegenseitig das Wort um Mund umzudrehen, selbst harmlose Bemerkungen zu Beleidigungen aufzubauschen und nahezu jede Äußerung schlagfertig als Sprungbrett für einen neuen Angriff zu missbrauchen. Wie beim Pingpong fliegen die Argumente hin und her. Der Therapeut kommentiert das Wortgefecht mit dem Satz: "Sie haben eine außergewöhnlich lebendige Streitkultur auf hohem Niveau."

In einer der von ihm vorgeschlagenen Übungen ballt Joana ihre linke Hand zur Faust und stellt sich vor, es sei ihr zorniges Herz. Valentin erhält die Aufgabe, die Faust zu öffnen. Zunächst versucht er es mit einem flüchtigen Kuss auf die Faust, dann zerrt er erfolglos an Joanas Fingern herum. "Sehr schön!", meint der Paartherapeut zu der Demonstration des Scheiterns.

Nach den ersten 45 Minuten legt er eine Pause ein, nicht ohne dem streitbaren Ehepaar zu raten, sie getrennt zu verbringen.

Den zweiten Teil beginnt er mit der Frage: "Warum trennen Sie sich nicht?" Damit verblüfft er sowohl Joana als auch Valentin. Um sich scheiden zu lassen, hätten sie keinen Paartherapeuten aufsuchen müssen. Harald deutet an, dass ihr Fall aussichtslos sei, aber damit finden die beiden sich nicht ab.

Wegen der seit der Pause vom Positiven zum Negativen umgeschwenkten Haltung des Therapeuten vermutet Joana, dass er eine unangenehme Nachricht erhalten habe. Ob etwas vorgefallen sei, fragt sie. Zunächst wehrt Harald ab, aber schließlich vertraut er dem Ehepaar dann doch an, dass er in der Pause eine E-Mail seiner Frau Anika erhalten habe: Sie habe sich nach 18 Ehejahren von ihm getrennt und sei erst einmal zu ihrer Freundin Irmi gezogen, weil sie die Harmonie und sein unerbittlich positives Denken nicht länger ertragen könne. Dafür zeigt Joana Verständnis: "Lieber dreimal verglühen als einmal erfrieren." Und Valentin pflichtet ihr bei: Er und Joana würden sich zwar fortwährend streiten, meint er, aber ihre Ehe sei im Gegensatz zu der des harmoniebedürftigen Therapeuten noch intakt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Harald kritisiert sich selbst, weil er zuließ, dass über seine Ehekrise statt über die seiner Klienten gesprochen wurde. Das sei unprofessionell, klagt er, er werde seinen Beruf aufgeben müssen. Außerdem drängt er darauf, die nutzlose Therapiestunde vorzeitig abzubrechen und versichert, er werde kein Honorar dafür verlangen. Aber das lassen Joana und Valentin nicht zu, da sind sie sich einig.

Joana schlägt ihre Beine inzwischen nicht mehr übereinander, und Valentin will sogar die Übung mit der Faust wiederholen. Diesmal legt er den Arm um seine Frau, drückt sie an sich – und kitzelt sie an einer bestimmten Stelle, deren Empfindlichkeit er genau kennt. Lachend öffnet Joana die Faust.

Zum Abschied umarmt Valentin den Therapeuten, und Joana meint beim Hinausgehen, in der nächsten Stunde müsse er Neuigkeiten über sich und Anika berichten.

Harald hat die Trennungsabsicht seiner Frau im Rahmen einer paradoxen Intervention erfunden, damit sich die zerstrittenen Ehepartner gegen ihn solidarisierten und dabei wieder Gemeinsamkeiten entdeckten.

Er ruft Anika an – und die beiden geraten sofort in Streit.

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Buchbesprechung:

Zwar wurden auch schon Daniel Glattauers Romane "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" in einer Bearbeitung von Ulrike Zemme, einer ehemaligen Dramaturgin des Burgtheaters in Wien, auf die Bühne gebracht, aber "Die Wunderübung" schrieb Daniel Glattauer von vornherein als Theaterstück. Die Uraufführung erfolgte am 22. Januar 2015 im Theater in der Josefstadt (Wiener Kammerspiele). Für die Inszenierung war Michael Kreihsl verantwortlich. Auf der Bühne standen Jürgen Tarrach, Aglaia Szyskowitz und Bernhard Schir. (Die Aufführungsrechte besitzt der Thomas Sessler Verlag in Wien.)

"Die Wunderübung" ist eine Boulevardkomödie, ein unterhaltsames Kammerspiel mit nicht mehr als drei Personen. Daniel Glattauer, der selbst eine Ausbildung zum psychosozialen Berater absolviert hat, nimmt die Tätigkeit von Psychotherapeuten im Allgemeinen und Paartherapeuten im Besonderen aufs Korn. Bücher von Dieter Wunderlich Mit dem von Jürgen Tarrach verkörperten tragikomisch-schrulligen Eheberater werden allerdings die landläufigen Vorurteile bedient. Auch die zerstrittenen Ehepartner sind mehr Stereotype als Charaktere. Bei der Ehefrau fehlt nicht einmal die Migräne. In "Die Wunderübung" geht es denn auch nicht um eine tiefgründige Ausleuchtung einer Ehe, sondern um pointierte Dialoge mit smarter Polemik und funkelndem Wortwitz. Für gute Unterhaltung sorgen darüber hinaus zwei Plottwists, von denen zumindest der erste die Zuschauer überrascht.

Sehenswert ist die Inszenierung von Daniel Glattauers Bühnenstück "Die Wunderübung" durch Michael Kreihsl vor allem auch wegen der Darsteller Jürgen Tarrach, Aglaia Szyskowitz und Bernhard Schir. Aglaia Szyskowitz spielt die eindrucksvollste Rolle und beweist dabei ihr Können. Sie ist übrigens Tochter einer Psychotherapeutin (Traudl Szyszkowitz).

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Deuticke im Paul Zsolnay Verlag

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Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
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