Stephen Frears: Die Queen / The Queen
mit Helen Mirren, Michael Sheen u. a.
      Kritik:
Obwohl es sich bei "Die Queen" um eine Satire handelt, wird der fiktive Konflikt zwischen Königin Elisabeth II. und dem jungen Premierminister Tony Blair nuanciert und ernsthaft dargestellt. Filmkritik
 

Die Queen

 
  Inhalt:
Vom Unfalltod ihrer von Charles geschiedenen Schwiegertochter Lady Diana erfährt die Queen während eines Aufenthalts im schottischen Schloss Balmoral. Premierminister Tony Blair, der vier Monate zuvor sein Amt antrat, sieht eine Chance, sich durch die Beratung der Queen zu profilieren, denn die weltfremden Royals drohen die Menschen vor den Kopf zu stoßen, die um die "Prinzessin des Volkes" trauern ... Handlung, Inhaltsangabe

Die Queen – Originaltitel: The Queen – Regie: Stephen Frears – Drehbuch: Peter Morgan – Kamera: Alfonso Beato – Schnitt: Lucia Zucchetti – Musik: Alexandre Despat – Darsteller: Helen Mirren, Michael Sheen, James Cromwell, Helen McCrory, Alex Jennings u.a. – 2006; 100 Minuten

   


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Stephen Frears: Die Queen / The Queen

Inhaltsangabe:

Bei der Wahl des britischen Unterhauses am 1. Mai 1997 erzielt die Labour Party mit Tony Blair an der Spitze das beste Ergebnis in ihrer Geschichte und löst die Konservativen ("Torys") nach achtzehn Jahren als Regierungspartei ab. Eine halbe Stunde nachdem der Verlierer John Major am 2. Mai den Amtssitz in Downing Street 10 geräumt hat, ernennt Königin Elisabeth II. Tony Blair zum neuen Premierminister – vier Tage vor dessen 44. Geburtstag. Er ist der jüngste britische Regierungschef seit 1812.

Der Film "The Queen" beginnt damit, dass Tony Blair (Michael Sheen) mit seiner Ehefrau Cherie (Helen McCrory) am 2. Mai 1997 in den Buckingham Palast gefahren wird, wo die Queen ihn kurz empfängt und förmlich zum Premierminister ernennt. "Haben Wir Ihnen schon gezeigt, wie Sie einen Atomkrieg beginnen, Mr Blair?", fragt Königin Elisabeth II.

Tony Blair, der angetreten ist, um das Vereinigte Königreich zu modernisieren, steht der traditionsreichen Monarchie distanziert gegenüber, denn er assoziiert die Queen mit dem Festhalten am Althergebrachten. Cherie, die dreiundvierzigjährige Tochter eines Schauspielerpaares, bezeichnet die Royals gar als "schnorrende, emotional verkümmerte Deppen". Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Hier die distinguierte Queen, die jede Gefühlsaufwallung unterdrückt, stets Haltung bewahrt und in ihren Schlössern von devoten Lakaien bedient wird, dort die junge Familie Blair, in deren Küche alles vollgestellt ist, der Regierungschef, der im Fußballtrikot mit der Queen telefoniert und sich von seinen Mitarbeitern mit dem Vornamen anreden lässt.

Vier Monate später, am 31. August 1997, verunglückt Prinzessin Diana (Laurence Burg) tödlich in Paris. Tony Blair ahnt sofort, dass diese Nachricht große Wellen schlagen wird, aber die Queen hält es nicht für angebracht, sich öffentlich über den Tod ihrer seit einem Jahr von Prinz Charles (Alex Jennings) geschiedenen Schwiegertochter zu äußern. Nur zögernd erklärt Königin Elisabeth II. sich damit einverstanden, dass Charles nach Paris fliegt und sich persönlich um die Überführung des Leichnams nach England kümmert. Sie bleibt mit ihrem Ehemann Prinz Philip (James Cromwell), ihrer Mutter (Sylvia Syms), den beiden Enkeln William (Jake Taylor Shantos) und Harry (Dash Barber) auf ihrem Sommersitz Schloss Balmoral in Schottland. Um den Prinzen William und Harry über den Tod ihrer sechsunddreißigjährigen Mutter hinwegzuhelfen, geht Prinz Philip mit ihnen auf die Jagd. Die Queen zieht es vor, allein mit ihren Hunden durch den Wald zu wandern. Abends sieht sie sich im Fernsehen die Berichte über den Tod von Lady Diana an. Prinz Philip mag bald nichts mehr davon hören, aber Königin Elisabeth II. verfolgt ebenso gebannt wie verständnislos, dass vor dem Buckingham Palace ein Meer von Blumen entsteht und Menschen auf der Straße weinen, wenn sie von Reportern auf den Tod der Prinzessin angesprochen werden. Sie hält das alles für ein von den Medien inszeniertes, abscheuliches Spektakel und beschließt nun erst recht, sich da herauszuhalten.

Tony Blair tritt dagegen mit einer sehr emotionalen Rede über den Tod von Lady Diana vor die Kameras und bezeichnet sie auf Anregung seines Medienprofis Alastair Campbell (Mark Bazeley) als "The People's Princess" (Prinzessin des Volkes). Er spürt den Unmut in der Bevölkerung über die Teilnahmslosigkeit der Queen, und er hält es für einen schwerwiegenden Fehler, dass Königin Elisabeth II. sich in Balmoral verschanzt. Geschickt versteht Tony Blair es, bei öffentlichen Auftritten die Haltung der Queen zu verteidigen und zugleich erkennen zu lassen, dass er ein wenig mehr Anteilnahme von ihr begrüßen würde.

Mehrmals telefoniert er mit der Queen und ihrem Berater Robin Janvrin (Roger Allam), aber es gelingt ihm zunächst nur, sie dazu zu überreden, eine öffentliche Trauerfeier für Lady Diana in der Westminster Abbey anzusetzen.

Als Robin Janvrin der Queen meldet, dass das Blumenmeer vor dem Buckingham Palace die Zufahrt behindert, ordnet sie zerstreut an, die Blumen wegschaffen zu lassen und muss erst dezent darauf hingewiesen werden, dass dies in der Öffentlichkeit nicht gut ankäme. Stattdessen weicht man auf eine andere Zufahrt aus.

Die königliche Standarte wird nur über Buckingham Palace aufgezogen, wenn die Queen dort anwesend ist. Da sie sich im Balmoral Castle aufhält, ist der Fahnenmast auf dem Dach des Palastes in London leer. Königin Elisabeth II. hält das für korrekt, und es entspricht in der Tat dem Protokoll, aber die Menschen, die vor dem Gitter immer noch Blumen für Lady Diana niederlegen, verstehen nicht, wieso dort keine Fahne auf Halbmast weht. Das bedeutet für sie, dass der Hof nicht um die Tote trauert.

Mit Sorge beobachtet Tony Blair, wie die Kritik an der Teilnahmslosigkeit der Queen in den Medien immer lauter und heftiger wird. Endlich hört sie auf ihn: Als Erstes schaut sie sich die Blumen und kleinen Gedenktafeln an, die auch vor Schloss Balmoral liegen und lächelt den Umstehenden zu. Dann bricht sie – sehr zum Missfallen ihres Mannes – den Aufenthalt in Schottland ab. Der Hof kehrt rechtzeitig zur Trauerfeier in der Westminister Cathedrale am 6. September nach London zurück, und die Queen bereitet eine Fernsehansprache vor, in der sie ihre Trauer über den Tod von Prinzessin Diana bekundet. Den Entwurf der Rede überreicht Alastair Campbell dem Premierminister allerdings mit den Worten: "Da musst du erst noch das Eis abkratzen."

Königin Elisabeth II. wird zwar nie Gefallen an der Inszenierung von Politik für die Massenmedien finden, aber sie hat gelernt, dass sie die öffentliche Meinung nicht völlig ignorieren kann. Tony Blair wiederum, der näher am Volk ist und gewandt mit Journalisten umgeht, bringt der Queen Respekt entgegen, weil sie sich gegen jeden Opportunismus sträubt und sich in der Woche nach dem Tod von Lady Diana nicht zum Spielball der Medien machen ließ.

Zwei Monate nach der turbulenten ersten September-Woche empfängt die Queen den Premierminister zum zweiten Mal in Buckingham Palace. Diesmal nimmt Königin Elisabeth II. sich mehr Zeit für ihn und lädt ihn zu einem Spaziergang in den Parkanlagen ein. "Was können Wir von Ihrer Partei in dieser Legislaturperiode erwarten?", fragt sie ihn.

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Filmkritik:

Stephen Frears stellt seinem Film "Die Queen" ein Zitat aus dem Theaterstück "Heinrich IV." von William Shakespeare voran: "Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt."

Die von zwei Audienzen des Premierministers Tony Blair bei Königin Elisabeth II. eingerahmte Handlung spielt in der ersten September-Woche 1997, also in den Tagen nach dem Unfalltod von Lady Diana. Eckpunkte entsprechen den Tatsachen, Bücher von Dieter Wunderlich und mitunter sind auch Originalaufnahmen eingeblendet, aber was wir auf Schloss Balmoral und in Downing Street 10 bzw. 11 zu sehen und zu hören bekommen, ist fiktiv. Es geht Peter Morgan (Drehbuch) und Stephen Frears (Regie) nicht darum, die Ereignisse von Anfang September 1997 historisch korrekt zu rekonstruieren, sondern um die Konfrontation der traditionsbewussten, Gefühlsregungen unterdrückenden und Haltung bewahrenden Queen mit dem jungen Premierminister Tony Blair, einem Sozialisten, der als Modernisierer angetreten ist und sich auf die Medieninszenierung von Politik versteht. Diesen Konflikt beleuchtet der Film "Die Queen" durchaus nuanciert und ernsthaft, obwohl es sich um eine Satire – vielleicht sogar Farce – handelt. "Die Queen" ist kein Schenkelklopfer, sondern der Witz kommt eher unauffällig daher, etwa wenn ausgerechnet Königin Elisabeth II. während der ersten Audienz mit Tony Blair Small Talk macht und sagt: "Kinder sind ein Segen."

Hervorzuheben ist die darstellerische Leistung vor allem von Helen Mirren und Michael Sheen, die Königin Elisabeth II. und Tony Blair nicht nur verblüffend ähneln – dank guter Maskenbildner –, sondern auch deren Mimik und Gestik hervorragend nachahmen.

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

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Königin Elisabeth II.
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