Paul Thomas Anderson: Boogie Nights
mit Mark Wahlberg, Burt Reynolds u. a.
      Kritik:
Bei "Boogy Nights" handelt es sich um ein bis in die Details sorgfältig ausgestattetes, gut inszeniertes und überzeugend gespieltes Porträt der späten 70er- und frühen 80er-Jahre. Filmkritik
 

Boogie Nights

 
  Inhalt:
Der ambitionierte Pornofilmregisseur Jack Horner engagiert 1977 in Kalifornien den 17-jährigen Gelegenheitsarbeiter Eddie Adams und baut ihn unter dem Pseudonym Dirk Diggler zum Pornostar auf. Doch als Porno-Kinos in den 80er-Jahren von billigen Videos verdrängt werden, stürzt Dirk Diggler ins Nichts ... Handlung, Inhaltsangabe

Originaltitel: Boogie Nights – Regie: Paul Thomas Anderson – Drehbuch: Paul Thomas Anderson – Kamera: Robert Elswit – Schnitt: Dylan Tichenor – Musik: Michael Penn – Darsteller: Mark Wahlberg, Burt Reynolds, John C. Reilly, Julianne Moore, Heather Graham, Don Cheadle, Luis Guzmán, Philip Seymour Hoffman, William H. Macy, Thomas Jane, Melora Walters, Ricky Jay, Robert Ridgely, Alfred Molina, Philip Baker Hall, Michael Stein u.a. – 1997; 155 Minuten

   


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Paul Thomas Anderson: Boogie Nights

Inhaltsangabe:

Der siebzehnjährige Eddie Adams (Mark Wahlberg), der von seiner eigenen Mutter (Joanna Gleason) für einen Versager gehalten wird, jobt nach dem Abbruch der Schule in einer Autowaschanlage und im Nachtklub "Hot Traxx" von Maurice T T Rodriguez (Luis Guzmán) im San Fernando Valley. Dort entdeckt ihn der ambitionierte Pornofilm-Produzent Jack Horner (Burt Reynolds), der dem Kinopublikum mehr als eine Folge von Kopulationen in Großaufnahmen bieten will und von einem künstlerischen Pornofilm träumt.

Als Eddie wieder einmal von seiner Mutter heftig beschimpft wird und sein Vater (Lawrence Hudd) stumm auf der Bettkante sitzen bleibt, läuft er fort und sucht Zuflucht bei Horner, der mit Maggie alias Amber Waves (Julianne Moore) und Brandy alias Rollergirl (Heather Graham) eine mondäne Villa bewohnt. Horner wird für Eddie so etwas wie ein Ersatzvater, und Amber entwickelt mütterliche Gefühle für ihn – was sie nicht davon abhält, den Jungen zum Kokain-Schnupfen zu animieren, mit ihm zu schlafen und sich vor der Kamera von ihm ficken zu lassen.

Horner baut den etwas naiven jungen Mann aus der Provinz unter dem Künstlernamen Dirk Diggler zum Pornostar auf. Der Siebzehnjährige qualifiziert sich dafür durch einen ungewöhnlich großen Penis und eine enorme Potenz. Er kommt sich vor wie in einem Hollywood-Film; Bücher von Dieter Wunderlich das Leben scheint plötzlich eine glamouröse, nie endende Party mit Sex und Drogen zu sein.

Colonel James (Robert Ridgely), der Horners Filme finanziert, staunt bei einem Blick in Dirk Digglers Hose. Dirk Diggler befreundet sich mit seinem Kollegen Reed Rothchild (John C. Reilly). Zu Horners Team gehören außerdem der Kameramann Kurt Longjohn (Ricky Jay), der mit einer Nymphomanin (Nina Hartley) verheiratete Assistent Little Bill (William H. Macy), der moppelige schwule Tontechniker Scotty J. (Philip Seymour Hoffman) und der afroamerikanische Darsteller Buck Swope (Don Cheadle).

Innerhalb weniger Jahre steigt Dirk Diggler kometenhaft auf. Er bringt es zu einer eigenen Traumvilla und lässt sich von Jessie St. Vincent (Melora Walters) malen. Das viele Geld, das er verdient, zerrinnt ihm allerdings zwischen den Fingern.

Bei der Silvesterfeier 1979 in Horners Villa ertappt Little Bill seine Frau wieder einmal in flagranti. Scheinbar ruhig geht er hinaus zu seinem Auto, holt einen Revolver aus dem Handschuhfach, kehrt zurück, erschießt seine Frau, deren Liebhaber und dann sich selbst.

Floyd Gondolli (Philip Baker Hall) versucht Jack Horner klarzumachen, dass die Zukunft dem Video gehört, aber Horner weigert sich, den Trend zur Kenntnis zu nehmen.

Als 1980 Colonel James ins Gefängnis muss, weil in seinem Haus eine Fünfzehnjährige an einer Überdosis Drogen starb, versiegt Horners Geldquelle.

Im Januar 1981 engagiert Horner mit Johnny Doe (Jonathan Quint) einen neuen Nachwuchsdarsteller, den Dirk Diggler vom ersten Augenblick an hasst, weil er ihn als Konkurrenz empfindet, zumal er inzwischen aufgrund seines exzessiven Kokain-Konsums seine Erektions- und Orgasmusfähigkeit nicht mehr so kontrollieren kann, wie es für Pornoaufnahmen erforderlich ist. Nach einem heftigen Streit mit Horner trennt Dirk Diggler sich von dem Pornoregisseur.

Gondolli hat die Entwicklung richtig vorausgesehen: Zu Beginn der Achtzigerjahre drängen billig gemachte Videos anspruchsvollere Porno-Kinofilme aus dem Markt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zusammen mit seinem Freund Reed Rothchild nimmt Dirk Diggler ein paar Songs auf, um eine Gesangskarriere zu beginnen, aber sie haben nicht mehr genügend Geld, um das Studio bezahlen zu können und scheitern.

Rollergirl nimmt sich vor, den College-Abschluss nachzuholen.

Maggie alias Amber versucht, das Sorge- oder wenigstens das Besuchsrecht für ihren Sohn Andrew zurückzubekommen. Die Richterin Kathleen O'Malley (Veronica Hart) hört sich im September 1983 an, was Maggie und deren Ex-Mann (John Doe) bzw. dessen Rechtsanwalt (Jack Riley) vortragen. Bei der Scheidung vor sechs Jahren sprach das Gericht dem Ehemann das Sorgerecht zu und räumte Maggie das Recht ein, die Sonntagnachmittage mit ihrem Sohn zu verbringen. Der Vater ließ Andrew jedoch schon bald nicht mehr zu Maggie, um ihn vor Pornografie und Prostitution zu bewahren. Als die Richterin erfährt, dass es sich bei Maggie um eine Pornodarstellerin handelt, bestätigt sie das Besuchsverbot.

Buck Swope und Jessie St. Vincent, die im Dezember 1982 geheiratet haben, bemühen sich um einen Kredit für die Eröffnung eines HiFi-Geschäfts, von dem Buck schon lange träumt, aber der Bankangestellte (Don Amendolia) erklärt ihm, mit Pornodarstellern mache man keine Geschäfte. Als Buck ein Jahr später für seine im Auto sitzen gebliebene schwangere Frau Donuts kaufen will, überfällt ein junger Gangster die Raststätte und zwingt den Verkäufer (Dustin Courtney) mit vorgehaltener Pistole, nicht nur die Kasse zu leeren, sondern auch den Inhalt des Safes in eine Tüte zu packen. Aus den Lautsprechern tönt Weihnachtsmusik. Ein Gast zieht unbemerkt seine Waffe. Bei der Schießerei kommen der Räuber, der Gast und der Verkäufer ums Leben. Buck bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Rasch greift er nach der Tüte mit dem Geld und läuft zu seinem Wagen. Endlich verfügt er über das Startkapitel für einen HiFi-Laden. Und Jessie bringt 1984 einen gesunden Jungen zur Welt.

Horner bleibt nichts anderes übrig, als auf Videos umzusteigen, aber er bemüht sich verzweifelt, die Möglichkeiten des neuen Mediums auszuloten. Beispielsweise fordert er mit der laufenden Kamera auf der Schulter einen beliebigen Passanten auf, es mit Rollergirl im Fond einer Limousine zu treiben. Der Student, der die Pornodarstellerin aus Filmen kennt, ist zunächst begeistert, aber in der Aufregung versagt er. Wütend wirft Horner ihn nach ein paar vergeblichen Versuchen aus dem Auto und schlägt ihn nieder. Rollergirl, die bis dahin alles gelangweilt über sich ergehen ließ, tritt hysterisch kreischend auf den wehrlos am Boden Liegenden ein, bis Horner sie zurück in den Wagen zerrt.

Zur gleichen Zeit lässt Dirk Diggler sich von einem Fremden im Pickup mitnehmen, der dann 10 Dollar dafür bietet, dem Pornodarsteller beim Masturbieren zusehen zu dürfen. Weil Dirk Diggler sich vergeblich bemüht, wirft ihn der Fahrer auf die Straße und verprügelt ihn.

Um an Geld und Drogen zu kommen, lassen sich Dirk Diggler und Reed Rothchild von dem Kleinkriminellen Todd Parker (Thomas Jane) überreden, dem Dealer Rahad Jackson (Alfred Molina) eine Packung Mehl für 5000 Dollar als Kokain anzudrehen. In der Villa treffen sie auf den reichen, überdrehten Besitzer, dessen Bodyguard (B. Philly Johnson) und den chinesischen Diener (Joe G. M. Chan), der aus irgendeinem Grund ständig Feuerwerkskörper zündet, während Jackson sich zur Musik aus seiner Stereoanlage bewegt. Plötzlich überrascht Todd Parker alle Anwesenden – auch seine beiden Kumpane – damit, dass er einen Revolver herausnimmt und Jackson auffordert, den Safe zu öffnen. Es kommt zu einer Schießerei mit mehreren Toten. Dirk Diggler gelingt es, zu fliehen. Zuflucht sucht er bei Jack Horner und Amber Waves, die ihn wie einen verlorenen Sohn bei sich aufnehmen.

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Filmkritik:

Mit der Figur Dirk Diggler knüpft Paul Thomas Anderson in seinem Film "Boogie Nights" an das kurze Leben des an Aids gestorbenen Pornodarstellers John Holmes (1944 – 1988) an.

Obwohl es in "Boogy Nights" um den Aufstieg und Fall eines Pornostars geht und die Inszenierung nicht prüde ist, wendet Paul Thomas Anderson sich mit seinem Film nicht an Voyeure, sondern bietet stattdessen ein bis in die Details sorgfältig ausgestattetes und von Klischees weitgehend freies Porträt der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre. Vor diesem Hintergrund ist "Boogy Nights" zugleich eine eindrucksvolle und vielschichtige Studie über widerspruchsvolle Charaktere.

Besonders in der zweiten Hälfte, in der die Geschichte an Tempo und Dramatik kräftig zulegt, sind die einzelnen Handlungsfäden einfallsreich und mit viel bösem Witz verknüpft. Das gilt beispielsweise für zwei parallel montierte Episoden, die damit enden, dass Dirk Diggler aus einem Auto geworfen und zusammengeschlagen wird, während ein Student an anderer Stelle aus ähnlichen Gründen dasselbe erleidet. Eine Szene, bei der Paul Thomas Anderson offenbar an einen Vierfachmord am 1. Juli 1981 in der Wonderland Avenue in Los Angeles [mehr dazu] dachte, hat er hemmungslos grotesk inszeniert. Bis in Nebenrollen hinein ist "Boogy Nights" exzellent besetzt. Die Kamera umkreist die Figuren und sorgt für Dynamik, behält dabei jedoch stets die Gesichter im Fokus und holt sie besonders in der zweiten Hälfte nah heran.

Obwohl "Boogy Nights" von einem in Hollywood verpönten Thema handelt, erhielten Paul Thomas Anderson für das Drehbuch sowie Burt Reynolds und Julianne Moore für ihre schauspielerischen Leistungen "Oscar"-Nominierungen.

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

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John Holmes (Kurzbiografie)
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